In der Binnenerzählung wechselt hier nach dem einleitenden Wortwechsel mit seinem Gast Cephalus der Herr über Ägina, Aeacus, in die persönliche Perspektive. Handelte der vorige Abschnitt von der Unwirksamkeit jeglicher Heil- oder Linderungsmittel, kommt der vorliegende auf die vergeblichen Versuche zu sprechen, Hilfe wenn nicht von der Arztkunst so doch von höheren Mächten zu erlangen. Doch weit entfernt, mit Gebeten, Gelübden und Opfern etwas auszurichten, sterben die Hilfesuchenden vielmehr schneller, als sie beten, geloben oder opfern können: Die Gottheit, scheint es, hört gar nicht bis zum Ende zu, läßt die Betenden nicht ausreden. Es hat etwas von Genervtsein und Ungeduld. Schon wieder eine Bitte, ich hör mir das nicht mehr an. Oder von totaler Abwesenheit. Die Gottheit ist im Nebenzimmer beschäftigt, während vor der Tür die Menschen in Scharen sterben. Es entsteht ein Eindruck gößter Verlassenheit und Verzweiflung. Daß die Götter sich abgewandt haben, wird bei der Eingeweideschau noch deutlicher: die Eingeweide sind selbst von der Krankheit befallen, sie sind unleserlich, es ist ihnen nichts zu entnehmen, anders gewendet: die Zukunft ist krank, die Zeit und ihre Funktionen selbst ist krank, es gibt keine Wahrheit mehr, die Götter schweigen; man würde alle erdenklichen Opfer bringen, wenn die Götter nur einen Wunsch erkennen ließen, aber die Götter schweigen; man erklärt seine Opfer- und Sühnebereitschaft, aber die Götter schweigen; man sucht in der Eingeweideschau um Rat, aber die Götter schweigen auch hier; wenn aber die Götter als letzte Ratgeber verstummt sind, dann versagt jede menschliche und natürliche Ordnung, dann bleiben nur Chaos und Tod. Kein Wunder, daß manch einer letzteres wählt.


Frage nicht, wie es mir ging, was anderes sollte ich wünschen,
als, voller Haß auf das Leben, den Meinen zum Tode zu folgen?
Wo auch man wendete hin die Schärfe der Augen, es lagen
hingestreckt die Leute, so wie wenn die faulenden Äpfel
fallen beim Rütteln vom Zweig und beim Schütteln von Eichen die Eicheln.
Tempel sieht man daneben, von Treppenfluchten erhaben:
Jupiter sind sie geweiht. Wer hat nicht an diesen Altären
Weihrauch verbrannt umsonst? Wie oft hat, wenn Gattin für Gatten,
Vater und Mutter fürs Kind mit flehenden Worten gebetet,
unerhörten Flehens der Tod das Gebet unterbrochen,
fand sich noch, unverbrannt, in den Händen Stücke des Weihrauchs!
Und wie oft sind, zum Tempel geführt, wenn der Priester die Weihen
sprach und zwischen die Hörner den unerbittlichen Wein goß,
unerwartet, von keiner Wunde gefallen die Stiere!
Auch, als ich selbst dem Gott für mein Land und für die drei Kinder
opfern wollte, da ließen auf einmal die Stiere ein böses
Muhen ertönen, brachen zusammen, noch eh sie ein Hieb traf,
netzten mit spärlichem Blut das darunter gehaltene Messer.
Krank sogar ist die Leber, verloren die Zeichen der Wahrheit,
wie auch die Mahnung der Götter, das Eingeweide befallen.
Vor den geweihten Pfosten sah die Kadaver ich liegen,
vor den Altären selbst, daß umso gemeiner der Tod sei.
Manche, indem sie ihr Leben am Strick beenden, begegnen
Todesfurcht mit dem Tod und kommen zuvor ihrem Schicksal.

Quid mihi tunc animi fuit? an, quod debuit esse,
ut vitam odissem et cuperem pars esse meorum?
quo se cumque acies oculorum flexerat, illic
vulgus erat stratum, veluti cum putria motis
poma cadunt ramis agitataque ilice glandes.
templa vides contra gradibus sublimia longis:
Iuppiter illa tenet. quis non altaribus illis
inrita tura dedit? quotiens pro coniuge coniunx,
pro gnato genitor dum verba precantia dicit,
non exoratis animam finivit in aris,
inque manu turis pars inconsumpta reperta est!
admoti quotiens templis, dum vota sacerdos
concipit et fundit durum inter cornua vinum,
haud exspectato ceciderunt vulnere tauri!
ipse ego sacra Iovi pro me patriaque tribusque
cum facerem natis, mugitus victima diros
edidit et subito conlapsa sine ictibus ullis
exiguo tinxit subiectos sanguine cultros.
exta quoque aegra notas veri monitusque deorum
perdiderant: tristes penetrant ad viscera morbi.
ante sacros vidi proiecta cadavera postes,
ante ipsas, quo mors foret invidiosior, aras.
pars animam laqueo claudunt mortisque timorem
morte fugant ultroque vocant venientia fata..





Die Lage spitzt sich zu im vorliegenden Abschnitt. Daß die Kunstfertigkeit dem, der sie anwendet, Schaden zufügt, ist ein häufiger Topos bei Ovid; als er am siebten Buch der Metamorphosen arbeitete, konnte er nicht ahnen, daß er den Gedanken in den Werken der Verbannung wieder und wieder auf sich selbst und seine unglückliche Lage literarisch anwenden würde: Sein dichterisches Talent, daß ihn die Kühnheit der Liebeskunst konziperen und ausführen ließ, hatte ihm die Verbannung eingetragen, die Kunst dem Künstler geschadet.
Typisch für Ovid sind die ans Groteske reichenden Übertreibungen: Das Fieber ist so hoch, daß die kalte Erde, auf die sich die Kranken zwecks Kühlung legen, sich erhitzt (fervet, das heißt, wird nicht nur warm, sondern „kocht“ oder „siedet“); die Kranken trinken vor Durst ganze Flüsse leer, und daß Schafe die Wolle verlieren, ist auch ziemlich unwahrscheinlich. Andere Beschreibungen dagegen scheinen nur zu plausibel, als daß es einem nicht kalt den Rücken runterläuft: Kranke trinken von kontaminiertem Wasser, weil der Durst sie so sehr quält; die Verwzeiflung läßt die Kranken das Haus verlassen und umherscheifen, in der Hoffnung, daß alles gut wird, wenn man nur den Ort meidet, an dem das Übel zuschlug. Daß die Bettdecke unerträglich wird, kommt auch in anderen Pestbeschreibungen vor, mir ist nicht bekannt, ob das ein beobachtetes Symptom oder nur ein literarischer Topos ist, da müßte man mal nachforschen. Von der grotesken Übertreibung gelangt Ovid unter Rücknahme der Mittel zu Schilderungen von eindringlichem Ernst. Im letzten Bild der Passage kehrt der Text wieder zu den meteorologischen Zeichen des Anfangs zurück: Die Sterbenden strecken die Hände flehend aus zu demselben Himmel, der schon zu Beginn „schwer auf die Erde“ gedrückt hat, und suchen in letzter Verzweiflung Hilfe von dort, woher das Übel seinen Anfang nahm. Unterstrichen wird der Ernst vom Versmaß, dem bei Ovid äußerst seltenen versus spondiacus..

Niemand, der Abhilfe wüßte, ja grade unter den Ärzten
um sich greift rasendes Sterben, und schadet den Heilern die Heilkunst:
ja, je näher der Arzt dem Kranken, je treuer die Pflege,
umso schneller kommt selbst er ans Sterben, und wenn erst auf Heilung
hin ist die Hoffnung und klar wird, daß endet die Krankheit im Tode,
geben sie auf und suchen nicht mehr, was helfen noch könnte:
Helfen nämlich kann nichts. Allenthalben verliert man die Hemmung,
legt sich in Quellen und Flüsse, bleibt liegen in breiten Zisternen,
aber das Naß, als den Durst zu löschen, ist schneller getrunken.
Schwer nach dem Trunk schaffen viele es nicht, sich noch zu erheben,
sterben vor Ort im Wasser, das dann wieder andere schöpfen;
Derart verhaßt ist das widrige Bett den Erkrankten, daß auf sie
springen, oder, wenn ihnen die Schwäche das Stehen vereitelt,
wälzen sie ihren Leib übern Grund. So fliehen das Haus sie,
jeglicher seines, und jedem ein Totenhaus scheint sein Zuhause,
denn, weil die Ursache unklar, so hat im Verdacht man die Orte;
teilweise konnte Halbtote man sehen – solang sie noch aufrecht –
wie auf den Straßen sie wankten, teils andre schon weinend am Boden,
wie sie die müden Augen in letzter Regung verdrehten;
und sie recken die Hand nach den Sternen des hangenden Himmels,
grad wo der Tod sie ereilt, so hauchen sie aus ihr Leben.

nec moderator adest, inque ipsos saeva medentes
erumpit clades, obsuntque auctoribus artes;
quo propior quisque est servitque fidelius aegro,
in partem leti citius venit, utque salutis
spes abiit finemque vident in funere morbi,
indulgent animis et nulla, quid utile, cura est:
utile enim nihil est. passim positoque pudore
fontibus et fluviis puteisque capacibus haerent,
nec sitis est exstincta prius quam vita bibendo.
inde graves multi nequeunt consurgere et ipsis
inmoriuntur aquis, aliquis tamen haurit et illas;
tantaque sunt miseris invisi taedia lecti,
prosiliunt aut, si prohibent consistere vires,
corpora devolvunt in humum fugiuntque penates
quisque suos, sua cuique domus funesta videtur,
et quia causa latet, locus est in crimine; partim
semianimes errare viis, dum stare valebant,
adspiceres, flentes alios terraque iacentes
lassaque versantes supremo lumina motu;
membraque pendentis tendunt ad sidera caeli,
hic illic, ubi mors deprenderat, exhalantes.





Bald auch mäht die Pest die hilflosen Landmänner nieder,
und in den Mauern der großen Stadt errichtet sie Herrschaft.
Erst beginnt das Gedärm zu brennen, dann schleichendes Fieber
Rötung zeigt an und schmerzhaft keuchendes Atmen, von Feuer
anschwillt die rauhe Zunge, vertrocknet von hitzigem Atem
starren die Münder und schnappen nach Luft in mühsamen Zügen.
Bett und Lager sind unerträglich und jegliches Laken,
nackt auf die Erde legt man sich bäuchlings, doch wird nicht der Körper
abgekühlt von dem Grund, sondern heiß wird der Grund von den Körpern.

Pervenit ad miseros damno graviore colonos
pestis et in magnae dominatur moenibus urbis.
viscera torrentur primo, flammaeque latentis
indicium rubor est et ductus anhelitus; igni
aspera lingua tumet, tepidisque arentia ventis
ora patent, auraeque graves captantur hiatu.
non stratum, non ulla pati velamina possunt,
nuda sed in terra ponunt praecordia, nec fit
corpus humo gelidum, sed humus de corpore fervet.





Sterben von Hunden zuerst und von Vögeln und Schafen und Rindern,
Sterben von Wild auch anzeigt die plötzliche Wirkung der Seuche.
Fassungslos sieht die starken Stiere kippen der Landmann,
und wie plötzlich beim Werk sie sich krümmen inmitten der Furche.
Jämmerlich blöken die wolletragenden Herden der Schafe,
ganz ohne Schur, von allein fällt die Wolle, die Körper verfaulen;
Einstmals so flink, das Pferd, das prächtige Glanzstück der Bahn, geht
langsam zugrunde; des Preises und früherer Ehren vergessend
stöhnt es am Gatter, dem Tode geweiht durch wehrlose Schwäche.
Nicht denkt an Zorn noch der Eber, der Hirsch nicht, aufs Laufen zu setzen,
noch darauf sinnen, den wehrhaften Pflugstier zu reißen, die Bären.
Alles fällt in Erstarrung: in Wäldern, auf Feldern und Wegen
liegen die schwärenden Körper, Gestank verpestet die Lüfte.
Seltsam, daß Hunde das Aas nicht und auch nicht gefräßige Geier
noch die grauen Wölfe anrühren; so fault und zerfällt, was
tötet mit seinem Hauch und die Ansteckung weit übers Land trägt.

strage canum primo volucrumque oviumque boumque
inque feris subiti deprensa potentia morbi.
concidere infelix validos miratur arator
inter opus tauros medioque recumbere sulco;
lanigeris gregibus balatus dantibus aegros
sponte sua lanaeque cadunt et corpora tabent;
acer equus quondam magnaeque in pulvere famae
degenerat palmas veterumque oblitus honorum
ad praesepe gemit leto moriturus inerti.
non aper irasci meminit, non fidere cursu
cerva nec armentis incurrere fortibus ursi.
omnia languor habet: silvisque agrisque viisque
corpora foeda iacent, vitiantur odoribus aurae.
mira loquar: non illa canes avidaeque volucres,
non cani tetigere lupi; dilapsa liquescunt
adflatuque nocent et agunt contagia late.





Schlimm war die Pest, die der Zorn der maßlosen Iuno den Völkern
sandte, aus Haß auf das Land, weil es trägt den Namen der Kebse.
Da man das Übel für irdisch noch hielt und den boshaften Grund nicht
kannte für solches Verderben, wehrte man sich mit der Heilkunst:
Aber das Sterben hielt an, weder Pille noch Trank zeigte Wirkung.
Anfangs drückte der Himmel mit undurchdringlicher Schwärze
schwer auf das Land und hielt fest eine träge Hitze mit Wolken;
während viermal die Hörner verband und den Kreis wieder füllte
Luna, und, viermal geschwunden, zur vollen Scheibe heranwuchs,
wehte ein warmer Süd, der Hitze brachte und Pesthauch.
Fest steht, daß auch in die Brunnen und Tümpel gelangte das Übel,
und auch, daß Schlangen zu tausenden durch die verwilderten Felder
streiften, wobei sie mit bösem Geifer die Flüsse verseuchten.

dira lues ira populis Iunonis iniquae
incidit exosae dictas a paelice terras.
dum visum mortale malum tantaeque latebat
causa nocens cladis, pugnatum est arte medendi:
exitium superabat opem, quae victa iacebat.
principio caelum spissa caligine terras
pressit et ignavos inclusit nubibus aestus;
dumque quater iunctis explevit cornibus orbem
Luna, quater plenum tenuata retexuit orbem,
letiferis calidi spirarunt aestibus austri.
constat et in fontis vitium venisse lacusque,
miliaque incultos serpentum multa per agros
errasse atque suis fluvios temerasse venenis.





In Dottendorf am Quirinusplatz vorbeigegangen. Ich weiß nicht, was mich bewegt, diese Gegend noch einmal aufzusuchen, der Platz mit der Straßenbahnendschleife, der Kirche (an deren Bau, so unübersehbar er doch ist, ich mich nicht mehr erinnere), der Bäckerei, irgendwo muß der Weg nach Friesdorf weitergehen, das kommt mir vor wie ein Ort des Leidens, der Niederlage, des Scheiterns. Die Häuser erzählen mir die enttäuschten Erwartungen an mich selbst wieder, die Straßenführung ist Schauplatz meiner Einsicht in den kolossalen Irrtum über meine Begabungen und Möglichkeiten. Ein Unglücksort, das war er damals nicht, so begegnet er mir jetzt. Aber geht es mir denn besser heute, und was ist das für ein Ort, an dem ich jetzt lebe? Ein Ort kann uns erst etwas über die Zeit, die wir an ihm verlebt haben, zurückspiegeln und verraten, wer wir damals waren, wenn wir ihn lange verlassen und seitdem nicht wieder aufgesucht haben. Wenn wir uns an einen Kirchenbau nicht mehr erinnern oder an einen Pfad hinauf zum Venusbergklinikum. Damals fing ich an, die Rabengeschichte zu bearbeiten, und bis jetzt beschäftige ich mich mit diesem irrwitzigen, stolzen, eingebildeten, hoffnungslosen Projekt und seinen Folgeprojekten. Es ist nicht zu fassen. Und was für kolossal verstiegene Vorstellungen, was für ein aufgeblähtes, eingebildetes Selbstbewußtsein ich damals besaß. Ich kann nicht einmal altersweise darüber lächeln. Ich könnte es, hätte sich mit harter Arbeit der Erfolg doch noch eingestellt; wäre ich zwar von der Wirklichkeit korrigiert worden, wie ein Zennovize lächelnd vom Meister korrigiert wird, dann aber infolge dieser Korrektur doch noch zum Erfolg gekommen, ja, dann könnte ich jetzt milde urteilen über mein damaliges Selbst. Aber ich habe meine Grenzen ja nie akzeptiert. Deshalb kann ich auch keine Lehre daraus ziehen. Deswegen bleibe ich Zennovize, mache keine Fortschritte, trete aus dem Kloster aus. Im Unterschied zu meiner Zeit in der Annaberger Straße kenne ich zwar meine Grenzen inzwischen. Aber akzeptiert habe ich diese Grenzen nie. Und also dieses ganze beschränkte Ich nicht, mit dem mich die Natur ausgestattet hat. Es ist mir nicht genug, ich bin mir nicht genug. Mit dem, was ich habe, weiß ich nichts anzufangen. So sind diese heute aufgesuchten Straßen Orte einer bitteren Einsicht. Umso bitterer war diese Einsicht, als sie auf meine vermeintliche Entdeckung des Schreibens folgte, auf den Höhenflug des Größenwahnsinns, zu dem mich mein Jahr in der Stadt am Ende des Jahrtausends verführt hatte. Und wie ich damals darum gerungen habe, doch noch wer zu sein. Vom größten Stein über immer kleinere Steine, die man alle nicht heben kann; bis man endlich einen Kiesel in der Hand hält und sich für Supermann hält.





Man hätte ihn, wie er da mit zwei Gefährten den Bergpfad hinunter kam, in Jägergrün gekleidet, ein Gewehr über der Schulter, mit gekreuzten Patronengürteln behängt, für eine Erscheinung halten mögen, so unwirklich, so unerwartet und wie aus einem Abenteuerbuch herausphantasiert war er mir durch die Büsche vor die Augen gekommen. Ich war ja seit Stunden keinem Menschen mehr begegnet und hatte auch, so weit oben in den Bergen und allein unter wilden Ziegen, mit keinem Menschen mehr gerechnet. Bis der Weg sich in hundert Trampelpfade und keinen auflöste, war ich gewandert, dann, es dämmerte bereits, die Jahreszeit war fortgeschritten, hatte ich halt gemacht und das Zelt aufgestellt, in einer flachen, von Gebüsch eingehegten Senke, unweit eines aus Naturstein dürftig gemauerten, verfallenen, sicher seit Jahrzehnten außer Gebrauch gekommenen Unterstands für Hirten und Vieh. Er aber war mit seinen beiden Gefährten aus der weglosen Wildnis, die ich anderntags zu durchqueren gedachte, heruntergestiefelt, als wären die drei in ihr zu Hause.

Ich saß auf einem Stein und ruhte mich von der Wanderung aus, die mich über viele Stunden von Vríses kommend auf den Berg geführt hatte. Mein Ziel war ein Ort auf der anderen Seite des Gebirgsmassivs, der auf der Karte mit Amudári bezeichnet war. Von dort wollte ich am dritten Tag einer asphaltierten Straße hinunter nach Chóra Sfakíon und zum Meer folgen. Als mir eine Stunde zuvor auf der Schotterstraße Schafhirten zugerufen hatten, wohin ich denn wolle, Pu pas, re?, hatten sie sich bei Nennung des Namens ausgeschüttet vor Lachen.

Dieser aber lachte nicht, er war ernst und nahm mich ernst, schickte seine Gefährten, die nicht halb so eine beeindruckende Figur machten wie er selbst, voraus ins Tal und setzte sich zu mir.

Er hatte kurzes, schwarzes Kraushaar, dichte Locken, dunkle Haut, ebenmäßige Züge, ein breites Kinn, eine wache Stirn. Auf Wangen und Kinn lag ein starker Bartschatten. Sein Gesicht und sein Wuchs waren von der Art, die einmal die seltene Gelegenheit boten, das Wort edel ohne jede Ironie zu gebrauchen. Die Vorfahren des vielleicht Zwanzigjährigen mochten einst, konnte man sich denken, gegen die Türken gekämpft haben, er selbst zu einer Volksgruppe gehören, deren Urahnen sich damals in den unzugänglichen Bergen gegen die Übermacht der Eroberer verschanzt hatten. Seine Augen waren dunkel, der Blick ruhig, gesammelt, ernst. Er erschien mir wie jemand, dem unbedingt und unter allen Umständen zu trauen wäre, einer, der weiß, was er tut und mit Verantwortung handelt. Er fragte mich aus, woher ich käme, wohin ich wollte. Er machte keinen Hehl daraus, daß er mein Vorhaben für zu riskant hielt. Nicht für leichtsinnig, nicht für albern, es war etwas, das einem Mann durchaus einfallen mochte zu wagen. Aber es war eben auch wert, nach gründlicher Überlegung verworfen zu werden. Ich zeigte ihm auf der Karte (im Gegensatz zu vielen seiner Landsleute verstand er sich auf das Lesen von Landkarten), welchen Weg ich an diesem Tag zurückgelegt hatte. Well, I see that you are strong, sagte er in ausgezeichnetem Englisch. Ich war geschmeichelt. But, sagte er, ich rate dir, umzukehren. Wieviel Wasser hast du noch? – Ich zeigte ihm die zwei fingerhoch Wasser, die noch in der Flasche waren, das hatte mir auch schon Sorgen gemacht. Es war ein warmer Tag gewesen, der Durst groß. Er schüttelte den Kopf. Ich würde darauf angewiesen sein, Schnee zu finden. Nicht aussichtslos, aber. Und fließendes Wasser gebe es dort oben keines. Die Viehpfade seien trügerisch, die meisten führten in die Irre. Die Orientierung sei schwierig. Es gebe oft Nebel, und in den nächsten Tagen sei auch welcher zu erwarten. Im Nebel wäre es praktisch unmöglich, sich nicht zu verlaufen. You are strong, sagte er, but I suggest you go back. It’s too dangerous. Und damit, bevor ich ihn über seine eigenen Pläne und Geschäfte in dieser Bergeinsamkeit hätte befragen können, erhob er sich, schulterte sein Gewehr und machte sich seinen Gefährten nach auf den Weg ins Tal. Er hatte nicht auf mich eingeredet, ich hatte ihm nicht widersprochen. Er nahm mir kein Versprechen ab, nicht weiterzugehen. Er wartete nicht, bis er hätte sicher sein können, mich überzeugt zu haben. Er hatte mir gesagt, was er zu meinem Vorhaben zu sagen hatte. Das übrige war meine Verantwortung. Er würde sich, das war klar, über mich nicht weiter den Kopf zerbrechen. –

Am nächsten Tag, nach einer Nacht voll Durst, während immer wieder Schafe oder Ziegen am Zelt vorbeigetrabt waren und ich mit Mühe nur der Versuchung widerstanden hatte, den letzten Schluck aus der Wasserflasche zu nehmen, brach ich das Zelt ab und kehrte um ins Tal.





Kinder könnten auch übers Händie Eis und Süßigkeiten erstehen. Oder von Erwachsenen etwas zugesteckt bekommen, aufs Händie-Guthaben halt. Und dann hieß es noch, in Skandinavien hätten schon Obdachlose eine App auf dem Smartphone, mittels derer sie Spenden entgegenehmen könnten. Das als Entgegnung zu Einwänden gegen die Abschaffung des Bargelds.
„Wenn mich ein Obdachloser anspricht, zücke ich mein Smartphone, und wenn der das nicht will, tja, tut mir leid. Ich würde ihm ja gerne helfen, aber Bargeld habe ich keines.“
„Für genau den Zweck habe ich immer einen Euro in der Tasche.“
Mit solchen Fragen war man zwischen Espresso und Rechnung beschäftigt. Man erhob sich bereits, da sagte noch jemand was von „Hört auf zu streiten, ihr lebt auf verschiedenen Planeten.“

Planeten?, denke ich. Wenn ich einen Obdachlosen an die Bezahl-App verweise, dann will ich ihm gar nicht helfen. Ginge es mir darum, würde ich, als derjenige, der ja die Wahl hat, Wege finden, dem, der am Boden ist, wenigstens eine kleine Freude zu bereiten. Ich halte ja auch dem einarmigen Verdurstenden nicht die zugeschraubte Wasserflasche hin. Ich mache sie ihm auf, was kostet mich das? Eine kleine Freude am Tag, das kann ein Obdachloser brauchen. Was er nicht brauchen kann, ist eine Belehrung über die Zukunft des Bargelds.