Und schon ist die Hitze wieder wie ein Traum. Der Sommer flutet zum Horizont davon und läßt uns die braunen Reihen abgestorbener Fichten zurück. Die Dunkelheit kümmert sich wieder um die Straßen, aber sie kann den Durst nicht lindern. An den Kreuzungen bleibe ich lange stehen. Wie bin ich hierher gekommen? Im Dunst hinter den Stämmen hebt sich ein geschwollenes Augenlid, und ich bin so müde, daß mein Blut für viele Winter reicht.





Und, ah!, wie mich das ärgert. Dieses Wählerische. Die ewige Zurücksetzung. Und daß wir Männer uns immer und immer die Köppe einschlagen müssen, während die Frauen dasitzen, zugucken und am Ende den lädierten Sieger in die Arme schließen dürfen – zumindest so lange, bis ein anderer Herausforderer antritt. Es ist lächerlich. Es ist unwürdig. Es ist empörend. Und daß niemand etwas dafür kann, weil es in der Natur der Sache liegt, das macht es nicht besser, das macht es nur noch viel schlimmer. Auch wenn ich aus dem Alter raus bin.

Hätte ich die zuletzt erwähnte Statistik damals, als ich noch nicht aus dem Alter raus war, schon gekannt, wäre meine Frustration zwar nicht geringer gewesen, aber ich hätte eine Erklärung gehabt, warum es auf der Datingplattform nicht voranging. Vielleicht hätte mich das mit einer Art von befriedigtem Ingrimm erfüllt. Warum ich nie angeschrieben wurde. Warum auf die meisten meiner eigenen Zuschriften nicht einmal eine Ablehnung zurückkam – als wäre schon mein Ansinnen ungebührlich. Als hätte ich nach etwas greifen wollen, das nicht für mich bestimmt war. War es auch nicht, offensichtlich. Aber als ob ihr, liebe Angeschriebene, so unglaublich der Reißer gewesen wärt. Ich habe da meinen eignen Marktwert schon mit eingerechnet, als ich euch und nicht die heiße Schwarze mit dem verruchten Blick angeschrieben habe. Gegen die kamt ihr nämlich auch nicht an. Meint ihr, bei euch gäbe es kein Mittelmaß?

Die Anzahl der Zuschriften auf Datingplattformen ist außerdem auch noch Pareto-verteilt. Jeder, der sich schon einmal gefragt hat, warum das nicht so recht zündet mit dem eigenen Blog, der eigenen Video-Seite, den Strickmustern oder Katzenbildern, hier ist das Geheimnis: Blogs und ganz allgemein Webseiten verhalten sich wie Großstädte, bewaffnete Konflikte, das Jahreseinkommen und die Wörter einer Sprache: Sehr, sehr wenige haben sehr sehr viel, der klägliche Rest verteilt sich dünn ausgestrichen auf die Masse. Sehr wenige Blogs ziehen sehr viele Follower an sich, während sehr, sehr vielen Blogs nur eine Handvoll Leser folgt; sehr wenige Städte haben mehrere Millionen Einwohner, sehr viele Städte nur ein paar tausend; große Opferzahlen findet man bei sehr wenigen Kriegen, in den meisten sterben nur wenige Menschen; nur eine handvoll Wörter führen die Häufigkeit in Texten an, während die meisten Wörter selten sind; sehr wenige Menschen sind stinkreich, aber sehr viele bettelarm. Und eben: Sehr wenige Paarungsbereite bekommen die überwiegende Mehrzahl aller Zuschriften auf einer Datingplattform. Man braucht ein ziemlich dickes Fell, wenn man sich dort tummelt. Spaß macht das nur, wenn man einer der wenigen ist, die den Löwenanteil von Zuschriften bekommen, und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, daß man das nicht ist.





Frauen auf Datingplattformen, lese ich gerade, sind geneigt, 85% der Männer auf ebendiesen Plattformen als unterdurchschnittlich attraktiv zu beurteilen. Angesichts solcher Statistiken kann man sich jede Romantik von vornherein abschminken. Es geht um Ernährer und Beschützer, um sonst nichts. Mehr noch: Es geht um die besten Ernährer und Beschützer, und da sind die oberen 15% gerade mal eben gut genug. Ich danke den Göttern auf Knien, daß ich solche Tatsachen noch nicht kannte, als ich Anfang zwanzig und auf Brautschau war. Ich hätte es aufgegeben und lieber eine Karriere als Kleriker in Erwägung gezogen. (Andererseits wäre ich vielleicht verblendet genug gewesen, mich als zu den oberen 15% gehörend einzuschätzen. Ich elender Affe. (Kann aber natürlich auch sein, noch einmal andererseits, daß die Zusammensetzung derjenigen Männer, die sich überhaupt auf Datingplattformen anmelden, nicht repräsentativ ist. Dann rekrutiert sich vielleicht der als unterdurchschnittlich beurteilte Anteil der Männer auf den Plattformen überwiegend aus den 50% der unterdurchschnittlich attraktiven männlichen Gesamtbevölkerung.))





Daß der Mensch nie genug hat an der Gegenwart. Wie dieses Reh keine Folge von Momenten kennt, sondern nur den einen Moment, außerhalb dessen es nichts gibt, in dem es mich betrachtet und betrachtet und betrachtet, und daß es mich gleich nicht mehr betrachten, sondern fliehen wird, ist ihm noch gar nicht klar, auch wenn die Möglichkeit der Flucht schon in dieses unendliche Präsens hineinragen muß, andernfalls es nicht wählbar wäre: Aber es ist eben eine Möglichkeit des Jetzt, keine Möglichkeit der Zukunft, es gibt keine Zukunft aus diesem Moment heraus, es gibt nur den Moment mit seinen Optionen, und in diesem Moment sind alle Optionen gleichwertig: Flucht, Ignorieren, Äsen, Stehenbleiben, den Lauscher nach mir ausrichten, und wenn das Reh dann flieht, sind die Momente der Flucht nichts weiter als die Flucht. Das Tier fragt sich nicht, ob es diesmal wohl wieder davonkommen wird, es hofft nicht, und seine Angst ist allumfängliche Angst, für Ewigkeiten ist es auf der Flucht. Bis die Flucht zu Ende ist, so oder anders.





Mühsam die Arbeit der Schatten, das Kreisen um Türme und Zeiger.
     Wo war der Juni? Umsonst jagten die Segler das Licht.

(SA 5:06; SU 21:42)





Soll ich jetzt noch und noch und noch einen Text über meine Laufstrecken schreiben? Den Acker noch weiter bearbeiten? Ja. Es ist ein Irrtum zu meinen, daß man damit, wie mit überhaupt irgend einem Stück Welt, je fertig würde. Es geht nicht um Ermüdung, die Welt läßt sich nicht ermüden. Reiß dich zusammen, schreib! Es geht um Erneuerung. Es geht um Gründe. Es geht um alles. Jahreszeiten, Flora, Fauna, Landschaften, äußere kartierte, innere unkartierte, Wege ins Dickicht, Wege ins Freie, das Aquarell des Himmels, das Gewicht der Wolken, des Lichts, und alles als Ursache und Grund zu Worten, ihre Rechtfertigung. Oder ist es umgekehrt? Sind die Worte die Rechtfertigung dafür, daß überhaupt etwas da ist? Die Abtragung vielleicht einer elementaren Schuld, die wir am Dasein haben, einer Schuld, die sich nur dadurch sühnen läßt, daß man dichtet?