"Sankt Kathrein stellt den Tanz ein". Auf dem Gartenkalender (eine Fundgrube für hergebrachtes Kalender-, Bauern- und Jahreszeitenwissen) lese ich, daß traditionell am 25. November die Vorweihnachtszeit begann. Vorweihnachtszeit war Buß- und Fastenzeit, gesellige Veranstaltungen hatten ab dem 25. November aufzuhören. Legt die aktuelle Weltlage nicht nahe, statt in Glühwein, Geklingel, Lebkuchen, Lichterketten zu schwelgen, solches Brauchtum wieder aufleben zu lassen und die Vorweihnachtszeit ihrer ursprünglichen Funktion der Erwartung, Reinigung und stillen Einkehr zuzuführen?





4 (1) Interea irruentibus intra Gallias barbaris Iulianus Caesar coacto in unum exercitu apud Vangionum civitatem donativum coepit erogare militibus, et, ut est consuetudinis, singuli citabantur, donec ad Martinum ventum est. (2) tum vero oportunum tempus existimans, quo peteret missionem - neque enim integrum sibi fore arbitrabatur, si donativum non militaturus acciperet -, hactenus, inquit ad Caesarem, militavi tibi: (3) patere ut nunc militem Deo: donativum tuum pugnaturus accipiat, Christi ego miles sum: pugnare mihi non licet. (4) tum vero adversus hanc vocem tyrannus infremuit dicens, eum metu pugnae, quas postero die erat futura, non religionis gratia detractare militiam. (5) at Martinus intrepidus, immo illato sibi terrore constantior, si hoc, inquit, ignaviae adscribitur, non fidei, crastina die ante aciem inermis adstabo et in nomine Domini Iesu, signo crucis, non clipeo protectus aut galea, hostium cuneos penetrabo securus. (6) retrudi ergo in custodiam iubetur, facturus fidem dictis, ut inermis barbaris obiceretur. (7) postero die hostes legatos de pace miserunt, sua omnia seque dedentes. unde quis dubitet hanc vere beati viri fuisse victoriam, cui praestitum sit, ne inermis ad proelium mitteretur. (8) et quamvis pius Dominus servare militem suum licet inter hostium gladios et tela potuisset, tamen ne vel aliorum mortibus sancti violarentur obtutus, exemit pugnae necessitatem. (9) neque enim aliam pro milite suo Christus debuit praestare victoriam, quam ut subactis sine sanguine hostibus nemo moreretur.

Inzwischen waren Barbaren nach Gallien eingefallen, und nachdem Kaiser Julian das Heer an einem einzigen Ort bei den Vangionen zusammengezogen hatte, befahl er, einen Extrasold für die Soldaten auszuzahlen. Wie es üblich war, wurde jeder einzeln aufgerufen, und so kam die Reihe auch an Martin. Da dachte dieser, daß nun die Gelegenheit gekommen sei, um seine Entlassung zu erbitten, denn er hielt es nicht für anständig, den Extrasold ohne die Absicht anzunehmen, weiterhin als Soldat zu dienen; und so sagte er zum Kaiser: „Bis heute habe ich dir als Soldat gedient; erlaube mir nun, als Soldat Gott zu dienen. Dein Geschenk mag annehmen, wer für dich kämpft, ich aber bin ein Soldat Christi, ich darf nicht mehr kämpfen.“ Da wurde aber der Kaiser zornig über diese Worte und entgegnete, daß jener nicht aus Gründen des Glaubens, sondern nur aus Furcht vor der Schlacht, die am folgenden Tage stattfinden sollte, aus dem Wehrdienst ausscheiden wolle. Doch Martin blieb angesichts der Drohung nur umso standhafter und entgegnete unerschrocken: „Wenn du meine Entscheidung der Feigheit, nicht dem Glauben zuschreibst, so will ich morgen ohne Waffen mich vor das Heer stellen, und im Namen des Herrn Jesus werde ich, ohne Schild oder Helm, nur mit dem Schutz des Kreuzzeichens, unbeschadet durch die Reihen der Feinde schreiten.“ Der Kaiser ließ ihn in Ketten legen, damit er zu seinem Wort stehe und sich unbewaffnet dem Feind entgegenwerfe. Am nächsten Tag aber schickten die Feinde Unterhändler, die um Frieden baten, und ergaben sich und all ihren Besitz. Wer könnte nun anzweifeln, daß dieser Sieg wahrlich der eines glücklichen Mannes war und ein schönerer Ausgang, als wenn er unbewaffnet wäre in die Schlacht geschickt worden. Natürlich hätte der fromme Herr auch dann seinen Soldaten vor den Schwertern und Lanzen der Feinde bewahren können. Aber damit die Augen des heiligen Mannes nicht durch den Tod anderer verletzt würden, nahm er die Notwendigkeit der Schlacht hinweg. Denn zu keinem geringeren Sieg mußte Christus seinem Soldaten verhelfen, als zu einem, bei dem die Feinde ohne Blutvergießen bezwungen würden und niemand sterben müßte.

(Sulpicius Severus, Vita Sancti Martini, 4)





Lange noch übte die Zeit; nun folgt sie den Spinnen ins Röhricht.
      Bäume, die Schatten voll Ernst, nahmen die Prüfung ihr ab.





"Daß aber Männer einem Traum nachhängen und traurig sein dürfen über den Wahnsinn und die Unvollkommenheit der Welt."
Dieser Satz, herausgeschrieben aus einer Erzählung der Kaschnitz, hing einst an der Pinwand eines Sechzehnjährigen. Heute könnte er immer noch an der Pinwand des nunmehr Fünfzigjährigen hängen.





Es fehlten nur noch Algen auf den Kacheln und Laub auf der fahlen Wasseroberfläche. Heruntergekommen, ein Vorwurf, den man oft hört, wenn mal wieder ein Bad schließen soll, ist noch beschönigend. Dieses Bad am Wermelkirchener Eschbach gelegen, ist ebenso marode wie voller Charme. Der Beckenrand ist noch, wie früher überall üblich, eine Kopflänge über der Wasserfläche, die Kacheln sind heil, aber betagt, die Umkleiden sehen aus, als wären sie noch aus den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Nichts davon spielt eine Rolle, und ich wüßte nicht, daß je von einer Schließung des Bades die Rede gewesen wäre.
Das schlechte Wetter mag seinen Teil dazu beigetragen haben, daß der Ort verlassen und aufgegeben schien. Weit und breit kein Mensch, die Umkleiden abgeschlossen, der Kiosk unbesetzt, die Stühle auf der Terrasse wie in einem Klassenzimmer zur Ferienzeit, im Becken ein liegengelassener Schlauch. Ich suche mir die überdachte Terrasse zum Ablegen der Kleider aus, wo der Rucksack vor dem Regen geschützt ist. Kalt ist es, unter zwanzig Grad, regnerisch, grau. Das Becken liegt unberührt, das Wasser straff, der Boden wölbt sich herauf, der Sprungturm grübelt wie ein Angler. In der Nähe dröhnt die Autobahn.





Nicht allein, um ihre Befolgung sicherzustellen, muß die Ausstellungsinstanz von Regeln möglichst ins Innere der Regelbefolger verlegt werden; sondern, und vielleicht mehr noch, um die Befolger zu entlasten. In kürzester Zeit sind wir an einen Punkt gelangt, an dem es sich falsch anfühlt, ohne Gesichtsbedeckung einen Laden oder einen Bus zu betreten, ähnlich falsch, wie ein obszönes Wort zu äußern oder einen Fremden zu duzen. (Der Vergleich ist interessant, weil er die Frage nach einer möglichen Verwandschaft von linguistischen und moralischen Regeln aufwirft.) Derart internalisierte Regeln haben sich von ihrem ursprünglichen Begründungskontext gelöst und damit den Status religiöser Gebote erlangt. Für einen gläubigen Muslim oder Juden mag es sich ähnlich falsch anfühlen, eine Moschee mit Schuhen oder eine Synagoge ohne Kopfbedeckung zu betreten. Je stärker der Grad der Internalisierung, desto schwerer ist es, die Regel nicht mehr zu befolgen, wenn der Begründungskontext nicht mehr gegeben ist; im Fall von religiösen Geboten, die von Anfang an aus keinen Begründungen folgten, ist es ganz und gar unmöglich, es sei denn, man hört auf zu glauben, und nicht einmal dann ist es einfach. Wir werden unsere Mühe damit haben, die Internalisierung des Maskengebots wieder loszuwerden, wenn der Grund dafür einmal weggefallen sein wird. Denn es gibt ja kein Gebot, sie nicht zu tragen, nur den Wegfall eines Grundes, es zu tun; während die interne Wachinstanz noch eine ganze Weile wachsam bleiben wird. Die durch die Internalisierung bewirkte Entlastung wirkt im Regelbefolger fort: So ist es tatsächlich einfacher, die Regel weiter zu befolgen, als den gedanklichen Aufwand zu betreiben, sie fortan zu ignorieren. Ersteres bedarf keiner Entscheidung mehr, letzteres muß bewußt entschieden werden.





Als wir noch träumten vom Küssen, umstellten schon Uhren das Lager.
     Zahllos die Küsse im Traum, zählt sie die kürzeste Nacht.

Küsse, gleich Wild in der Dämmerung, scheu vor den lärmenden Stunden.
     Welche vorm Licht nicht geschenkt, flohen ins Dunkel des Traums.





Zum Gießen in den Garten, anwesend sein in einer Natur, die nur sich selbst gehört und von unserem Sterben nicht berührt wird. Nicht einmal anwesend sein: nur vorkommen, als weniger denn ein Stein, kaum mehr denn ein Schatten, ein Klang, der sich bricht und verhallt und keine Spuren hinterläßt.

Rhythmisches Vogelschnarren im Tiefenprofil von Kirchenglocken. Aprikosenblüten spiegeln sich im geöffneten Fenster. Dann Meisenpfiffe. Dann öffnet das Tal sein Maul voller Schweigen.

Verlassene Räume, die wir gerade noch bewohnen, einen Fuß bereits im benachbarten Nirgends. Bald gehören sie sich nur noch selbst. Schon holen die spiegelnden Scheiben den von Vögeln bewohnten Himmel ins Haus, sieht sich der Wind um im zu mietenden Objekt.
(9.4.2020)





Ablaufende Flut, auftauchende Bäume, die Wipfel tasten nach Luft und Himmel. Man setzt sich das Gesicht, das einem der Sturm gestern vom Kopf geweht hat, wieder auf, rückt die kalten Wangen zurecht, schaut aus den tränenden Augen in die Sonne. Überall wird am Licht gearbeitet, die Bäche tragen die geschürfte Sonne zu Tal, in den Pfützen setzt sich das flüchtige Mineral ab, die Sträucher filtern und sieben und klären die Luft. Die Gärten stecken ihre Reviere ab. Flüchtige Stimmen kehren behutsam zurück und suchen sich bescheidene Anstellungen. Für einen Moment kommt Verdrängtes zum Vorschein, Autoreifen wie Beinprothesen, mit Kellerlicht gefüllte Eimer, zwei Zaunpfähle wie abgemagerte Gefangene, Entkommene, mit Draht noch aneinander gefesselt. Wolken malen den Umriß von Kontinenten an den Himmel, bevor die Länder einen Namen bekommen, hat sie der Wind davongetragen. Zeit des Wartens und der Tapferkeit vor der Liebe. Aus der Zukunft strömen die Vogelschwärme in die Gegenwart zurück, Bäume wenden sich ab, ziehen sich zurück in den Wald, und die Knospen sind die Antwort auf eine Frage, die man nicht kennt, aber kennen sollte.
(14. März 2020)





Füße keine, für Sonne, in Bäumen. Die Schatten der Vögel
     rollen die Flugbahnen auf, bergen sie anfangs des Winds.

Leere des Raums, zu weit für Schall, zu müde für Wolken.
     Quitten lösen das Licht, schal wie ein Luftkuß, vom Laub.