Lukan beiseite, finde ich bei der ganzen Seuchengeschichte noch ein Detail bei Vergil interessant. Dort spricht der Dichter im Zusammenhang mit erkrankten Tieren davon, daß Opfertiere vor dem Altar zusammenbrechen, noch bevor der Priester den Schnitt hat machen können; daß das Fleisch auf dem Altar nicht brennen will; und daß die Eingeweide unbrauchbar für die Schau sind:

inter cunctantis cecidit moribunda ministros;
aut si quam ferro mactauerat ante sacerdos (488f)

"Zwischen den zögernden Opferdienern sackte das todkranke [Opfertier] in sich zusammen, als hätte es der Priester zuvor geschlachtet"

nec responsa potest consultus reddere uates,
ac uix suppositi tinguntur sanguine cultri (491f)

"Aber der hinzugezogene Seher vermag keine Antwort zu geben, und kaum daß die eingesetzten Opfermesser vom Blut benetzt werden."

Na, das erinnert doch stark an Ovid (Metamorphosen VII 6000f): 596--599

exta quoque aegra notas veri monitusque deorum
perdiderant: tristes penetrant ad viscera morbi.

"Die befallenen Eingeweide besaßen keine Zeichen der Wahrheit mehr und der Mahnungen der Götter: die böse Seuche war bis in die inneren Organe vorgedrungen."

Und, bis einzelne Wörter hinein (suppono/subicio; cado/collabor; cultrum; tingo):

ipse ego sacra Iovi pro me patriaque tribusque
cum facerem natis, mugitus victima diros
edidit et subito conlapsa sine ictibus ullis
exiguo tinxit subiectos sanguine cultros.

"Ich selbst wollte Jupiter um meinetwillen, um der Heimat, des Stamms, der Kinder willen opfern: da stieß das Opfertier ein schreckliches Brüllen aus, brach plötzlich und ohne jeden Schlag zusammen, und nur spärlich netzte das Blut die daruntergehaltenen Messer."

Und weiter, zwar nicht mit wörtlichen, aber doch überzufälliigen Parallelen:

Vergil (Georg. III 498f):

labitur infelix studiorum atque immemor herbae
uictor equus ...

"Das Pferd, der siegreiche Renner, denkt weder an seinen früheren Eifer noch an die süßen Gräser ..."

Ovid: (Met. XII 542ff)

acer equus quondam magnaeque in pulvere famae
degenerat palmas veterumque oblitus honorum
ad praesepe gemit leto moriturus inerti.

"Das schnelle Pferd schmälert den großen Ruhm und die Siegespalme, vergißt seine alten Erfolge und stöhnt, zum Sterben bereit, am Gatter."

Es gibt aber noch weitere Verbindungen. In der westlichen Welt dürfte Thukydides' Schilderung der Pest von Athen während des Peloponnesischen Krieges eine der ersten um Exaktheit bemühten Beschreibungen einer Epidemie und ihrer Folgen darstellen. Der Autor gilt als Begründer der wissenschaftlichen, quellenbasierten um Objektivität bemühten Geschichtsschreibung und steht weder im Ruf zu übertreiben noch, mit den Fakten zugunsten literarischer Topoi, na, sagen wir, kreativen Umgang zu pflegen. Auf seine Angaben sollten wir uns also verlassen können. Nach seiner eigenen Aussage:

καὶ ἐς μὲν ἀκρόασιν ἴσως τὸ μὴ μυθῶδες αὐτῶν ἀτερπέστερον φανεῖται: ὅσοι δὲ βουλήσονται τῶν τε γενομένων τὸ σαφὲς σκοπεῖν καὶ τῶν μελλόντων ποτὲ αὖθις κατὰ τὸ ἀνθρώπινον τοιούτων καὶ παραπλησίων ἔσεσθαι, ὠφέλιμα κρίνειν αὐτὰ ἀρκούντως ἕξει. κτῆμά τε ἐς αἰεὶ μᾶλλον ἢ ἀγώνισμα ἐς τὸ παραχρῆμα ἀκούειν ξύγκειται.

"Und für die Zuhörer wird die wenig ausgeschmückte Darstellung eher weniger ein Lesegenuß sein: Wenn aber die, die das Geschehene und die nach menschlichem Maß gleiche oder sehr ähnliche Zukunft klar erkennen wollen -- wenn die meine Arbeit für nützlich halten, dann mag es genug sein. Dieses Werk ist als dauerhafter Gewinn gedacht gewesen, nicht als Kunststückchen, das nur als Unterhaltung für den Moment dient."

Thukydides, der nach eigenen Angaben selbst erkrankte (2,48), schildert in seinem Geschichtswerk (Peloponnesischer Krieg, 2,47--54) eine Seuche, die in den Jahren 430--426 v. Chr., während des Peloponnesischen Krieges zwischen Athen und Sparta in Athen grassierte. Obwohl der Autor es in seiner Schilderung der Krankheitszeichen und des Krankheitsverlaufs an Genauigkeit nicht fehlen läßt, ist es bislang nicht gelungen, die geschilderten Symptome irgendeiner der modernen Medizin bekannten Krankheit zuzuordnen. Vermutungen reichen von Ebola bis Salmonellose; überzeugen kann keiner dieser Vorschläge. Die Symptome sind laut Thukyides wie folgt: Die Krankheit beginnt mit Hitzegefühl im Kopf (Fieber?), es folgen gerötete, entzündete Augen; blutende Entzündung der Rachen- und Zungenschleimhaut; Mundgeruch; auf diese Anfangssymptome folgen Niesen, Heiserkeit, Schmerzen in der Brust, Husten; geht die Krankheit auf den Magen über, folgt Erbrechen und sehr schlechtes Allgemeinbefinden; oft unproduktiver Würgreiz, Bauchkrämpfe; äußerlich kein Fieber (?), rote oder gelbliche Verfärbung der Haut, Pusteln oder kleine Geschwüre; Gefühl von Hautbrennen, Aversion gegen Berührung, Kleidung oder Decken werden als unerträglich empfunden; Bedürfnis nach Kühle, die viele in Brunnen springen läßt; unerträglicher, unstillbarer Durst; Unruhe, Schlaflosigkeit; wo der Tod nicht nach sieben oder acht Tagen eintritt, breitet sich die Krankheit weiter nach unten aus und führt zu Geschwüren und heftigem Duchfall, in der Folge zu einer Schwächung des Organismus, die meistens tödlich ist. Die Krankheit beginnt am Kopf und wandert im Körper nach unten; wo sie nicht tödlich verläuft hinterläßt sie Spuren an den Extremitäten, den Fingern, Zehen oder Geschlechtsorganen oder sogar den Augen; manche überleben nur unter Verlust eins oder mehrerer dieser Körperteile; wieder andere erleiden eine totale Amnesie bei Gesundung und wissen nicht mehr, wer sie sind.

Nun, wäre Thukydides nicht Thukydides, würden wir sagen, was hat der denn geraucht. Die Zusammenstellung scheint ein bißchen zu illuster, um als Beschreibung eines echten Krankheitsbildes zu taugen. Aber das mal beiseite, darüber sollen, um es mit den Worten des Historikers selbst zu sagen, "andere Autoren, seien es Laien oder Experten, sich den Kopf zerbrechen". Tatsächlich gibt Thukydides selbst zu, daß die "Art dieser Krankheit jeder Beschreibung spottet" (κρεῖσσον λόγου, 2,50,1).

Ich möchte Thukydides noch ein bißchen folgen und weitere Beobachtungen im Umfeld der Krankheit aufzählen. Da ist zum einen zu nennen, daß Aasfresser die Seuchentoten entweder meiden oder nach dem Genuß derselben zugrunde gehen. Eine Ursache ist nicht auszumachen, eine Behandlung, die überall anschlüge, gibt es nicht, was dem einen hilft, verschlimmert den Zustand eines anderen. Die körperliche Konstitution scheint unerheblich, schwache wie kräftige Naturen erkranken und sterben. Ärztliche Zuwendung und Pflege durch Nahestehende verbreiten die Seuche am schnellsten. Wer nicht an der Krankheit stirbt, stirbt möglicherweise an Vernachlässigung, weil sich niemand mehr traut, Umgang mit Erkrankten zu pflegen. Einzig Genesene kümmern sich und geben den Kranken Hoffnung, denn wer die Krankheit einmal hatte, ist entweder immun oder entwickelt nur schwache Symptome. Flüchtlingsströme in die Stadt aufgrund des Krieges verschlimmern die Situation: bald liegen Leichen übereinandergestapelt herum und halbtote Kranke schleppen sich durch die Straßen, um zu den Brunnen zu gelangen. Auch die Tempel füllen sich mit den Leichen derer, die dort Unterkunft gesucht haben. Man kommt nicht mehr nach mit den Beerdigungen, die Rituale werden vernachlässigt, es kommt zu unschönen Szenen: manche werfen ihren Toten auf den Scheiterhaufen eines Fremden und kommen dessen Angehörigen zuvor, indem sie ihn in Brand setzen; andere werfen ihren Toten zu einem schon brennenden dazu.

Soweit Thukydides. Auch wenn man dem Historiker nicht vorwerfen mag, daß er bei seinen Schilderungen Rückgriff auf Topoi genommen habe, so könnte doch er selbst die Grundlagen für Topoi bei späteren Autoren gelegt haben?

Zum Beispiel bei Ovid. Liest man dessen Schilderung der Pest auf Ägina im siebten Buch der Metamorphosen, kann man nicht umhin anzuerkennen, daß Ovid seinen Thukydides im Kopf gehabt habe. Die Parallelen sind dabei so zahlreich und so spezifisch, daß ich nicht glauben kann, daß sie einfach der ähnlichen Natur solcher Ereignisse geschuldet seien. Daß an einer Seuche verendete Tierkadaver von Aasfressersn in Ruhe gelassen werden, mag noch als allgemeine Beobachtung durchgehen (Met XII 549f):

mira loquar: non illa canes avidaeque volucres,
non cani tetigere lupi;

"Ich werde jetzt wundersame Dinge berichten: Hunde, gierige Geier, ja die grauen Wölfe rühren [die Kadaver] nicht an"

Doch schon die Symptome stimmen in Details überein, die vielleicht nicht unbedingt zur "typischen" Seuchenausstattung gehören (XII 554--557):

viscera torrentur primo, flammaeque latentis
indicium rubor est et ductus anhelitus; igni
lingua tumet, tepidisque arentia ventis
ora patent, auraeque graves captantur hiatu.

"Zuerst brennen die Eingeweide, Röte ist das Zeichen der verborgenen Flamme und schwerer Atem; vom Feuer schwillt die rauhe Zunge, der vom heißen Atem trockene Mund steht offen, so schnappen sie nach der verpesteten Luft."

Sogar die Thukydideische Beobachtung der Überempfindlichkeit der Haut taucht wieder auf (558f):

non stratum, non ulla pati velamina possunt,
nuda sed in terra ponunt praecordia

"Sie ertragen keine Matratze, keine Decke, sondern drücken ihre Brust nackt auf die Erde."

Daß die Ärzte sich am schnellsten anstecken und ihnen ihre Kunst zum Verhängnis wird, dürfte auch vor und nach Thukydides beobachtet worden sein und zur Grundausstattung gehören. Aber das Folgende ließ schon bei Thukydides als mögliche Übertreibung aufhorchen:

... passim positoque pudore
fontibus et fluviis puteisque capacibus haerent,
nec sitis est exstincta prius quam vita bibendo.

"Überall sitzen sie ohne jede Scham in Quellen, Flüssen und Brunnen, aber sie löschen durch das viele Trinken den Durst nicht mehr, bevor sie sterben."

Und das hier ist schon fast abgeschrieben:

... partim
semianimes errare viis, dum stare valebant,
adspiceres, ...

"Teils sieht man sie mehr tot als lebendig durch die Straßen irren, solange sie noch auf zwei Beinen stehen können."

Und sind die fremdgenutzten Scheiterhaufen bei Thukydides nicht eine Steilvorlage für den morbiden Humor eines Ovid? In der Tat, das sind sie (606--610):

corpora missa neci nullis de more feruntur
funeribus (neque enim capiebant funera portae):
aut inhumata premunt terras aut dantur in altos
indotata rogos; et iam reverentia nulla est,
deque rogis pugnant alienisque ignibus ardent.

"Die Leichen werden nach keinem ordentlichen Ritus mehr bestattet (die Stadttore hätten so viele Leichenzügen gar nicht zu faassen vermocht): Entweder sie liegen auf der Erde herum oder man wirft sie umstandslos auf den Scheiterhaufen. Ehrerbietung gibt es keine mehr, man streitet sich um die Haufen und brennt auf fremden Feuern."

Möglich bleibt natürlich, daß es Texte zwischen Thukydides und Ovid gibt, die allmählich als Tradition das begründen und verfestigen, was dann bei Ovid (und Vergil) als Topos benutzt wird. Da müßte man mal ein bißchen weitergraben.





Weiter im Lucan

In Pompeius' Lager wird das Pferdefutter knapp, den Tieren fehlt es an frischem Gras, sie werden krank und sterben. Eine Seuche breitet sich aus. Wie bei Lucan zu erwarten, gerät die Beschreibung der Symptome zu einer Orgie aus Fäulnis und Eiter. Der knappe Kommentar in meiner Reclam-Ausgabe vergleicht die Stelle mit Vergil, Georgica 464ff und weist darauf hin, die dortige Schilderung einer Milzbrandepidemie in Noricum sei "klinisch exakt". Das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz und Veterinärmedizin (BgVV) gibt an, Milzbrand sei "am lebenden Tier selten mit Sicherheit festzustellen" und listet als Symptome auf:

"Beim Rind und Schaf treten meist plötzliche Todesfälle auf. Aus den Körperöffnungen (Anus, Vulva, Mund, Nase) tritt dunkles, schlecht gerinnendes Blut. Erst bei der Zerlegung ist ein Verdacht auf Milzbrand festzustellen. Wenn weitere Tiere mit hohem Fieber, unregelmäßigem Puls, beschleunigter Atmung und evtl. Kolikerscheinungen erkranken, liegt der Verdacht auf Milzbrand nahe. Tierärztliche Behandlung ist nur dann erfolgversprechend, wenn sie frühzeitig einsetzen kann. Beim Pferd: plötzlich hochfieberhafte Erkrankung mit Kolik, Schling- und Atembeschwerden, Atemnot wegen Schwellung im Kehlgangsbereich, auch scheinbare Besserung und Tod nach mehreren Tagen. Beim Schwein können Krankheitserscheinungen am lebenden Tier fehlen, in vereinzelten Fällen sind Atembeschwerden infolge Rechenentzündung sowie Verfärbung und Schwellung im Bereich des Kehlkopfes (Milzbrandbräune) zu beobachten.

Was sagt nun Vergil dazu? Anfangssymptome sind seltsames Verhalten beim Pferd (464--467), dann Durst, Fieber, später Knochenfäule:

... sed ubi ignea uenis
omnibus acta sitis miseros adduxerat artus,
rursus abundabat fluidus liquor omniaque in se
ossa minutatim morbo conlapsa trahebat

"Doch sobald das trockene, feurige Fieber, durch alle Adern getrieben, die erbarmungswürdigen Glieder zusammengezogen hatte, trat hernach reichlich Fäulnis auf und zerstörte die von der Krankheit in sich zusammengefallenen Knochen."

Mh, von aufgeweichten Knochen ist beim BgVV nicht die Rede. Weitere Symptome bei Vergil: zahme Hunde werden tollwütig (496) -- tatsächlich sind Hunde und Katzen wenig anfällig für Milzbrand; keuchender Husten und Atembeschwerden durch verengten Schlund beim Wildschwein (496f); Nahrungsverweigerung und häufiges Aufstampfen beim Pferd, ferner herabhängende Ohren, unregelmäßiges Schwitzen, beim todkranken Tier eiskalter Schweiß (498--501); die Haut wird trocken und spannt sich (501f). Verschlimmert sich der Zustand, tritt ein heller Glanz in den Augen auf, dazu schwerer Atem, Stöhnen, Röcheln, bei dem sich die ganze Flanke anspannt, Blutungen aus der Nase, geschwollene, weiß belegte Zunge (505--508); der Stier bricht mitten auf dem Acker zusammen, spuckt Blut und tut seinen letzten Seufzer (515--517). Hätte Vergil bei der Beschreibung der Seuche in Noricum konkret Milzbrand im Sinn gehabt, dann hätte er Wölfe, Seehunde, Fische, Reptilien und Vögel jedenfalls verschonen müssen (537--547, Milzbrand kommt überwiegend bei Huf- und Klauentieren, nur gelgentlich bei Raubtieren vor; Vögel, mit Ausnahme des Straußes, sind so gut wie rsistent). Wahrscheinlich hat er aber weder Milzbrand im Sinn gehabt (oder eben dasjenige Bündel an Symptomen, von dem wir heute wissen, das es durch Bacillus anthracis verursacht wird), zumal das typischste Zeichen, die schwärzlich verfärbte ("verkohlte", daher der Name) Milz der verendeten Tiere in der Liste fehlt, noch irgendeine andere konkrete Erkrankung: die Schilderungen sind hier wie auch in anderen Texten eine Aufzählung von Stereotypa, deren Ensemble kein identifizierbares Krankheitsbild ergibt, sondern das Bild einer idealtypischen Seuche darstellt.





Noch einmal Parsec

Die Länge des Parsecs berechnet sich wie folgt: Eine AU beträgt exakt 149 597 870 700 m (dieser Wert ist eine Festlegung, der empirische Abstand zwischen Erde und Sonne schwankt wegen der Ellipsenform der Erdbahn und ein paar kleineren Störfaktoren). In dem Dreieck Sonne (S) -- Objekt in 1 Parsec Entfernung (P) -- und Erde (E) beträgt nach der Definition des Parsecs der Winkel SPE genau 1". Durch Trigonometrie erhält man dann die Gleichung:

tan 1" = 1AU/1pc

Durch Umstellung:

1pc = 1AU/tan 1" = 3,08576466×1016 m

Bzw. 3,08576466×1013 km bzw. 3,2616 Lichtjahre. Um zu ermessen, was das praktisch bedeutet, und warum es so lange gedauert hat, bis man durch Triangulation den Abstand benachbarter Sterne messen konnte, muß man sich klarmachen, daß erstens selbst der unserer Sonne naheste Stern, Proxima Centauri, bereits mehr als ein Parsec entfernt ist (nämlich 1,3 pc), seine Parallaxe also weniger als eine Bogensekunde beträgt; eine Bogensekunde, das entspricht dem Winkel, unter dem der Durchmesser eines 1-Euro-Stücks aus vier Kilometern Entfernung erscheint. Also klein. Also sehr, sehr klein. Das muß man erstmal messen können. Was erst 1838 dem Astronomen Wilhelm Bessel beim 11,4 Lichtjahre entfernten Stern 61 Cygni gelang, dessen Parallaxe er mit 0",013 (10,28 Lichtjahre), bei einem mittleren Fehler von 0",02 bestimmte, was innerhalb der damaligen Meßgenauigkeit durch moderne Messungen bestätigt werden konnte. Das vermeintliche Fehlen der Sternparallaxe war übrigens lange Zeit ein Standardargument gegen das Heliozentrische Weltbild: Wenn die Erde, so die Argumentation, sich um die Sonne bewege, dann müßten bei den Fixsternen Parallaxen zu beobachten sein. Aus dem Fehlen derselben wurde gefolgert, die Erde müsse stillstehen. Die Behauptung, die Sterne seien einfach zu weit weg, durfte natürlich mit Fug und Recht als eine argumentative Immunisierungsstrategie abgelehnt werden.

Weiter im Lucan

V 711--716 bietet einen hübschen Vergleich von Schiffen mit Kranichen: die Ordnung der Flotte gerät bei umschlagendem Wind durcheinander, so wie Schwärme von Kranichen, deren Körper im Auffliegen verschiedene Muster bilden, Buchstaben, die weiter oben, wenn die Tiere in den Sog des Südwinds geraten, sich wieder verlieren, während die Schwärme durcheinandergeraten und sich zu Kugeln ballen. Das ist nicht ganz korrekt, Kraniche bilden ja innerhalb kurzer Zeit geordnete V-Formationen aus, aber egal. Die Verbindung von zufälligen Strukturen und den Formen von Buchstaben fand ich interessant. Ich habe mich gefragt, ob der Vergleich vielleicht irgendwo in Lukrez vorkommt, das würde passen. Kommt er aber nicht. Kraniche kommen genau zweimal vor, im vierten Buch, und zwar in einer wortwörtlich wiederholten formelhaften Wendung, in der der Dichter seine eigenen knappen aber wohlklingenden Verse mit dem kleinen Schwan vergleicht, dessen Gesang so viel klangvoller sei als der der größeren Kraniche. (Lucr. IV 183ff und IV 910ff) Von einem Vergleich zwischen Kranichen, die Buchstaben, und Atomen, die Stoffe, Körper und Organismen bilden, findet sich leider nichts.





Mehr Botanik:

Der alternative Name der Kirschpflaume, Myrobalane, Prunus cerasifera "Kirschtragende Pflaume", kommt aus dem Altgriechischen (μυροβάλανος), wo es eigentlich eine Dattelart, die Wüstendattel, bezeichnet. Die Wüstendattel hat nun mit Pflaumen, ja mit Rosengewächsen, ja selbst mit der Ordnung Rosales nicht das geringste zu tun. Übrigens ist sie auch keine Datteln, das ist wieder so ein volkstümlicher Misnomer, wie die Rottanne (die eine Fichte ist) oder die Weißbuche (die keine Buche ist), sondern eine Art der Gattung Balanites in der Familie der Jochblattgewächse. Echte Datteln nämlich sind nicht einmal zweikeimblättrige Pflanzen, also von den Rosaceae oder den Jochblattgewächsen durch eine Unterteilung sehr hoher Ordnung getrennt (also ziemlich weit oben im Stammbaum). Der moderne Name Myrobalane für die Kirschpflaume setzt sich zusammen aus dem Morphem Myro- von μύρον "süßer Pflanzensaft, Salböl" und βάλανος "Eichel", bedeutet also wörtlich "Öleichel" oder vielleicht "Dufteichel". Als Myrobalanen werden aber auch noch die Arten der Gattung Terminalia innerhalb der Familie der Flügelsamengewächse (Combretaceae) bezeichnet, die weltweit in den Tropen verbreitet sind; ferner trägt der Amlabaum (Phyllanthus emblica) diesen Trivialnamen (auch bekannt als "Indische Stachelbeere", obwohl die Pflanze nichts mit Stachelbeeren, einer Pflanze aus der Familie der Stachelbeergewächse (Grossulariaceae) -- und immerhin eine echte Beere -- zu tun hat)


Weiter im Lucan.

Die Entrüstung der Soldaten über Caesars gefährliche Eskapade hat etwas Rührendes; man meint, immer noch das schlechte Gewissen über die Meuterei herauszuhören, wenn sich Caesars treue Legionäre so lautstark um ihren Anführer besorgt zeigen. Andererseits, wo sollten sie auch hin, wenn Caesar als Kopf und Garant für den Erfolg des ganzen Unternehmens nicht mehr wäre? Caesar ist ihre Trumpfkarte, auf die sie alles gesetzt haben, ein anderes Blatt haben sie nicht im Ärmel. Das hat ihnen zuletzt Caesar selbst auseinandergesetzt, als er sie wegen ihres Wankelmutes rügte. Interessant auch die kindliche Argumentation: Du hast die Götter, das Schicksal für eine Kleinigkeit herausgefordert, du hast ihre Gunst dazu gebraucht, Überlebender eines Schiffbruchs zu sein. -- Als gäbe es eine Portion Glück, und Caesar habe die seine für etwas Lächerliches aufgewendet (698f):
hine usus placuere deum, non rector ut orbis
nec dominus rerum, sed felix naufragus esses?

Metonymie: sopor "Betäubung" --> "Schlaf" (690)


Sonstige Irrwege dieses Vormittags:

Plejaden --> Parsec --> Parsec --> Bogensekunde --> Grad (Winkel) --> zusammengesetzte Zahlen --> Grad --> Radiant --> Kreisbogen --> Tangensfunktion --> Parsec --> dünnes Dreieck.

(1 Parsec, übrigens, ist die Entfernung, aus der eine Astronomische Einheit (AU, die Entfernung Erde--Sonne, ungefähr 150 Mio km) genau eine Bogensekunde groß erscheint. Umgekehrt heißt das: Wenn ein Objekt, von zwei Positionen auf der Erdbahn um die Sonne aus beobachtet, deren Entfernung dem Abstand einer AU entspricht, eine Parallaxe von 1 Bogensekunde aufweist, dann beträgt seine Entfernung zur Sonne ein Parsec.)





Wetter und Himmel, Naturgewalten überhaupt: Je weiter man liest, desto mehr scheinen solche Beschreibungseinschaltungen zum festen Inventar dieser Dichtung zu gehören. Bislang gab es böse Vorzeichen (I 526--583), Flut (IV 48--120) und Rückkehr schönen Wetters (121--135), und jetzt eben Meeressturm. Klappern gehört zum Handwerk, möchte man sagen, Hyperbole zum Handwerk des Epikers. Schon allein, daß unter den Winden (Aquilo, Corus, Boreas, Eurus, Notus, Nord-, Nordwest-, nochmal Nord-, Südost-, Südwind, resp.) alle Himmelsrichtungen vertreten sind (jeder weht aus seiner vertrauten, solita de parte, Richtung), macht deutlich, daß hier alles andere als eine naturalistische Beschreibung angestrebt wird. Stattdessen bekommen wir eine poetisch überhöhte Schilderung, deren Überzeichnung poetisch wahrer ist als die Wirklichkeit. Sogar die Meere vermischen sich, das Tyrrhenische läuft in die Ägäis über, im Ionischen Meer tönt die Adria. Berge gehen unter, gegen die die Wellen so oft vergebens brandeten, im Meer tun sich Furten bis zum verborgenen Grund auf, der eine Wind peitscht die Wellen gegen die Klippen, ein anderer stößt sie wieder zurück, und sogar der die Erde umfassende Ozean trägt seinen Teil zum Getümmel bei. Bei Lucan lesen wir auch zum erstenmal in der Geschichte von Monsterwellen (620): a magno venere mari, mundumque coercens / monstriferos agit unda sinus ... Es herrscht Dunkelheit, aber es ist nicht die Dunkelheit der Nacht, die Luft selbst ist von der Blässe des Totenreiches eingeschlossen und opak; das furchterregende Licht selbst stirbt, keine Blitze erhellen die Schwärze, die wolkige Luft teilt sich zur Dunkelheit. Zuletzt knirschen noch die kosmischen Getriebe, der Himmel wackelt, die Achse ächzt, die Natur fürchtet sich vor der Rückkehr des Chaos und der Nacht, die "die Schatten der Unterwelt mit den Göttern vermischen". Viel schlimmer kann es eigentlich nur noch beim Vakuumzerfall kommen.


Lange Zeit habe ich Neutronensterne nicht verstanden. Na ja, das ist insofern kaum verwunderlich, als nicht einmal Astrophysiker Neutronensterne vollständig verstanden haben. Ich habe aber etwas ganz Grundlegendes über Materie und Gravitation nicht verstanden. Vereinfacht gesagt, entsteht ein Neutronenstern, wenn im Innern eines Sterns einer bestimmten Mindestmasse am Ende seines Lebens die Kernfusion zum Erliegen kommt. Ein Stern ist nur deswegen stabil, weil sich zwei Kräfte die Waage halten: die Kernfusion erzeugt einen Strahlungsdruck nach außen; die eigene Schwerkraft einen Druck nach innen. Fällt der Strahlungsdruck weg, wird der Gravitation nichts mehr entgegengesetzt, der Stern fällt buchstäblich in sich zusammen und bildet eine sehr dichte Kugel, bei der die Materie etwa so stark zusammengequetscht wird, als ballte man die Masse unserer Sonne zu einer Kugel von 20 bis 30 km Durchmesser. Also sehr, sehr dicht. (Die Sonne hat einen Durchmesser von 1.392.684 km.) Was ich nicht verstanden habe, war: Gibt es denn keine, sagen wir mal Rückstellkraft, die den Kollaps irgendwann aufhält? So daß also alles wieder zurückschnellt und ein zwar kompakter, aber wenig rätselhafter Klumpen übrig bleibt? Die Antwort ist, es gibt eine solche Kraft, man nennt sie Entartungsdruck, und sie beruht auf dem sogenannten Pauli-Prinzip, demzufolge niemals zwei identische Fermionen (Teilchen, die einen halbzahligen Spin haben, egal. Dazu gehören alle Teilchen, aus denen Materie besteht) am selben Ort vorkommen können. Ich habe mich weiter gefragt, warum sich der extrem dichte Klumpen nicht einfach wieder entspannt, wie ein Softball, wenn die Hand, die ihn zusammendrückt, ihn losläßt. Die Antwort ist einfach: die Hand in diesem Beispiel ist die Gravitation, und die läßt den Stern nicht los. In seinem Innern ist der Druck so hoch, daß die Elektronen der Atome von den Protonen eingefangen werden und sich unter Abgabe eines Neutrinos in Neutronen umwandeln (Betazerfall), daher der Name "Neutronenstern". Es läuft eben darauf hinaus, daß sich in diesem Universum nicht beliebige Mengen an Materie auf einem Fleck versammeln können, ohne daß merkwürdige Dinge passieren. Das heißt, auch eine Eisenkugel (aus bestimmten Gründen ist die Kernfusion höherer Elemente als Eisen ein energieverbrauchender Prozeß, der von allein nicht stattfindet) von der acht- bis zwölffachen Masse der Sonne wäre nicht stabil, wenn irgendwer es schaffen sollte, so viel Eisen auf einen Fleck zu werfen: die Kugel würde ebenso implodieren wie ein Stern am Ende seines Lebens und einen Neutronenstern bilden.





Lucan V 561--637

Sturm, Wolkenbrüche, wilde See, die bösen Zeichen bewahrheiten sich. Der Fischer will umkehren, nicht aus Angst, sondern weil er befindet, daß die italische Küste nicht zu erreichen sei; man solle umkehren, solange es noch möglich sei. Darauf Caesar, selbstbewußt wie er nunmal ist: Wüßte sein Fährmann, wen er da befördere, er hätte keine Angst. Die Götter verließen diesen Passagier niemals. Sein Glück täte ihm Unrecht, wenn es erst einträfe, nachdem er Gebete gesprochen habe. Dies hier sei die Aufgabe von Wind und Wetter, nicht die des Schiffes. Dieses werde durch die Anwesenheit Caesars vor den Fluten geschützt. So Caesar. Um dann dem ganzen noch die Krone aufzusetzen und das Geschehen, das man leicht als Widerstand der Fortuna gegen das Vorhaben Caesars auffassen könnte, dreist umzudeuten:

... quid tanta strage paretur
ignoras: quaerit pelagi caelique tumultu
quod praestet Fortuna mihi. ...
(591ff)

"'Du weißt nicht, was mit diesem Aufruhr vorbereitet wird: Fortuna sucht darin, was sie für mich leisten kann.'"

563: Gestörte Ordnung der Dinge, selbst die Sterne scheinen zu wackeln im Sturm. Das Unwahrscheinliche bei dieser Vorstellung läßt an den Topos denken, in dem die Zauberin den Mond zur Erde ziehen und Ströme rückwärts laufen lassen kann.

Bei Lucan gibt es keine Beschreibung von Naturgewalten ohne Übertreibung:

... cunctos solita de parte ruentis
defendisse suas uiolento turbine terras,
sic pelagus mansisse loco. ...

"... daß [die Winde], aus ihren bekannten Richtungen brausend, mit rasendem Wirbel ihr Terrain behaupteten, und daß so das Meer an seinem Platz blieb." Die Aussage ist abhängig vom Matrixverb crediderim "ich möchte glauben", was die Unglaubhaftigkeit eines solchen Geschehens noch verstärkt. Vielleicht ist es aber auch anders zu lesen, nämlich alles im Sinn von, "so schien es", "es war, als ob". Die Form crederes bedeutet ja "man hätte glauben können". Daß hier die erste Person verwendet wird, ist freilich seltsam. Es scheint ausgeschossen, daß Lucan bei allem, was der Dichter bei der Schilderung des Seeabenteuers an Wind, Wasser, Wirbeln, Gischt und bösem Wetter auffährt, hier eine ironische Relativierung des Gesagten beabsichtigt.

Bei Caesar selbst findet sich kein Wort zu diesem Abenteuer, das aber laut dem verlinkten Kommentar bei Dion (Cassius Dio? Dio Chrysostomus?), Appian und Plutarch erwähnt wird. Vielleicht wurde es erfunden, um Caesar den Ausspruch "Fürchte dich nicht, du fährst Caesar" in den Mund legen zu können.





Über diese Verse lange gegrübelt:

... ueluti deserta regente
aequora natura cessant, pontusque uetustas
oblitus seruare uices non commeat aestu

Auch die Übersetzung vermochte nicht weiterzuhelfen. Schon irgendwie klar, was das heißen soll; unklar hingegen blieb die Syntax. vetustas ist Nominativ, ebenso pontus. "Die See, das Alter". Was ist hier das Subjekt? Das Partizip oblitus kann sich nur auf pontus beziehen. "Die See als lange Existenz, indem sie vergaß"? Manchmal ist die Auflösung ja ganz einfach, man muß nur ein paar Vokabeln wissen.

Über Marcus Antonius: iam tum ciuili meditatus Leucada bello (V 479). Leukas, heute Lefkada, Insel im Ionischen Meer, südlich des Ambrakischen Golfs. An dessen Einfahrt an der Südseite liegt Actium, bekannt für die Schlacht, in der Octavianus, der spätere Kaiser Augustus, seinen Konkurrenten Antonius ausschaltete und sich die Alleinherrschaft sicherte. "Schon damals plante Antonius für seinen eigenen Bürgerkrieg sein Actium" ist also eine ironisch formulierte Aussage über Antonius' Ehrgeiz und persönliche Aufstiegspläne. Plante sein Actium heißt soviel wie plante seinen Untergang. Das wäre so, wie wenn wir heute sagen würden, Barschel plante bereits seine Badewanne.

483f: summa manus "letzte Hand" iSv final touch.


Schwarze Löcher sind sozusagen ein Nulldivisionsfehler des Universums.


Fuck you, maths!





Noch einmal die beiseitegewischten Omina (Lucan V 395f):

nec caelum seruare licet: tonat augure surdo,
et laetae iurantur aues bubone sinistro.

Noch einmal, am Morgen seines Todestages, wird Caesar ein schlechtes Vorzeichen mißachten und die tödliche Senatssitzung aufsuchen, vor der ihn ein Traum seiner Gattin gewarnt hatte.

V 403--460: Nachdem Caesar sich quasi selbst zum Consul ernannt hat, eilt er in Windeseile nach Brundisium (Brindisi), in der Absicht, nach Griechenland überzusetzen und Pompeius dort endgültig auszuschalten. Windstille hält die Flotte zunächst mitten auf dem Meer fest, wo sie -- manövrierunfähig -- einem Angriff gegenerischer Schiffe schutzlos ausgesetzt wäre. Doch abermals zeigt sich Caesars Fortuna günstig. Das Wetter schlägt um und trägt die Schiffe schnell nach Palaeste (ein Hafen in Epirus).

Die Flüsse Hapsus (Apsus) und Genusus. Auf der Wikipedia gibt es eine äußerst brauchbare Liste antiker geographischer Bezeichnungen, darin für jeden Namen, gleich ob als Lemma auf der Wikipedia vorhanden oder nicht, einen Verweis auf Smith. Die beim letzteren aufgeführten modernen Bezeichnungen (Uzúmi, Devól, Beratinós) auf Openstreetmap, auf der deutschen, der griechischen und der englischen Wikipedia zu finden versucht, vergebens. Noch einmal genau hingeschaut: das Lexikon von Smith ist von 1854, okay, das ist nicht mehr ganz aktuell, und der Balkan, was Sprachen und Namen angeht, nicht gerade die konservativste Weltgegend. Manchmal muß man Glück haben: auf dem Mars (ja, genau, dem Planeten) gibt es ein Flußbett (channel), das nach dem antiken illyrischen Fluß Apsus Vallis heißt, und diese areologische Formation hat einen Eintrag auf der englischen Wikipedia. Dort aber wird dankenswerterweise auch angegeben, nach welchem irdischen Gewässer das Tal benannt ist. Es handelt sich um einen Strom im heutigen Albanien, dem Seman. Nach dem Gewässer Genusus ist leider keine areologische Formation benannt. Aber es gibt ein Lemma Genusus auf der englischen Wikipedia. Der moderne Name des albanischen Flusses, erfährt man dort, ist Shkumbin. Unter der bei Smith angegebenen Schreibweise "Skumnbi" ist die Suche selbst mit modernen Meinten-Sie-xyz?-Methoden erfolglos. Zwischen Genusus und Apsus liegt heute eine Flachwasserlagune, die vom offenen Meer nur durch eine schmale Düne getrennt ist, die Lagune von Karavasta. Hier irgendwo wird es wohl gewesen sein, daß Caesar und Pompeius ihre Lager errichteten. Hapso gestare carinas heißt es da (463f), causa palus, leni quam fallens egerit unda. egerit nicht von ago, das ergäbe von der Form (Fut. II oder Konj. Perf) keinen Sinn, sondern von e-gero "herausführen, -tragen, -treiben": "Daß der Apsus Schiffe tragen kann, liegt an dem See, den er mit unmerklicher Strömung hinausführt" Sollte das die Vorform der heutigen Lagune gewesen sein? Um diese Frage zu beantworten, müßte man wissen, wie solche Lagunen sich bilden; wie schnell sie verlanden; wie der Tiefgang der römischen Kriegsschiffe im ersten vorchristlichen Jahrhundert war, und ob solche Schiffe in die Lagune mit ihrer damaligen Tiefe hätten einfahren können.


Passend zu meiner aktuellen Lektüre von Against the Grain heute einen Podcast über die Himmelsscheibe von Nebra gehört (eine Folge der überaus hörenswerten Reihe Das Universum von Florian Freistetter und Ruth Grützbauch). Darin weist der Wissenschaftsjournalist Kai Michel, Co-Autor des Buchs Die Himmelsscheibe von Nebra. Der Schlüssel zu einer untergegangenen Kultur im Herzen Europas (Kai Michel und Harald Meller 2018) darauf hin, daß ein Objekt wie die Himmelsscheibe Herrschaft legitimierte, und daß Kalenderwissen Herrschaftswissen war. Das schließt unmittelbar an Scotts interessante Ideen zur frühen Staatenbildung an, daß nämlich Staaten nur dort entstehen konnten, wo Getreide, wegen der Eigenschaft der einzelnen Pflanzen, gleichzeitig in einem sehr kurzen Zeitfenster zur Reife zu kommen, als kontrollierbares, einem Abgaben- Erhebungs-, Eintreibungs- und Buchhaltungssystem unterwerfbares Produkt zur Verfügung stand. Wer nun den Kalender kontrollierte, kontrollierte das Getreide und die, die es anbauten.





Luc. IV 805 sanguine poenas Asso: In der ennianische Phrase klingen komplexe ideologische, politische und religiöse Bezüge auf. Kommt in der Aeneis viermal vor, aber auch in Ovid, Fasti (IV, 239) Mit dem Bezug auf den Urmythos Roms, den Brudermord des Romulus an Remus, wird über die Formulierung bei Ennius nicht allein die katastrophale historische Niederlage Curios, sondern auch der Bürgerkrieg insgesamt, sowie, könnte man sich denken, sogar die späteren dynastischen Kämpfe der Kaiserzeit auf eine mythische Ebene gehoben, erscheint die Jetztzeit als Ende eines Kontinuums mit dem Archaischen.

812 omne ... senium. Asso: senium = "Alter" im Sinne von "Hinfälligkeit, Verfall" Wieder so eine schwierige Metonymie: "Die Kunde (der Ruhm) davon wird von diesen Taten alle Vergänglichkeit zurückweisen." Die sprachliche Deutung wird erschwert durch die implizite doppelte Verneinung von Vergänglichkeit (also das Nicht-Bestehen) und zurückweisen (also das Nicht-Zulassen). Die fama wird nicht zulassen, daß die Tat nicht (im Gedächtnis) bestehen bleibt = die Tat wird durch die fama erhalten bleiben (nicht nicht-vergehen).

Buch IV abgeschlossen: Caesar vor Ilerda -- die große Flut -- die verfeindeten Soldaten pfeifen auf den Krieg -- werden zur Raison gebracht -- Durst im Lager des Afranius und Kapitulation -- Schauplatzwechsel. Dalmatien, Flucht auf Fässern -- Vulteius und sein Floß werden festgesetzt, Kampf und Selbstmord -- Schauplatzwechsel, Libyen, Curios Feldzug -- Einschaltung der Antaeus-Geschichte -- Curios Niederlage gegen Iuba und Tod.

(Asso, Paulo. A Commentary on Lucan, De bello civili IV. Berlin, New York: De Gruyter 2010)


Die Idee des Warpantriebs ist alt und wie so viele technische Ideen wurde sie von einem Science-Fiction-Autor ersonnen. Vor ungefähr neunzig Jahren erschien in der amerikanischen Zeitschrift Amazing Stories eine Geschichte, in der diese Umgehung des Einsteinschen Dictums, daß nichts sich schneller als das Licht bewegen könne, zum ersten Mal formuliert wurde: Was, so der Gedanke, wenn der Raum selbst sich bewegte, die Massen darin aber hinsichtlich einer sie umgebenden Raumblase stillstünden? Die Beschränkung auf Unterlichtgeschwindigkeit gilt für alles, was eine positive Masse hat -- nichts spricht dagegen, daß der Raum selbst, etwa eine Welle im Raum, sich überlichtschnell fortpflannzt. Könnte man nicht auf einer solchen Welle reiten wie ein Surfer? Natürlich bleiben da ein paar kleine technische Probleme, aber immerhin verletzt ein solcher Ansatz nicht die Relativitätstheorie. -- In diesem Video wird das Prinzip erklärt und ein paar Probleme aufgezählt. Normalerweise nimmt man die Einsteinschen Feldgleichungen, um ausgehend von einer bekannten Masse die dazu gehörende Raumzeitgeometrie zu berechnen. Der mexikanische Astrophysiker Miguel Alcubierre ist den umgekehrten Weg gegangen und hat, ausgehend von der Raumzeitgeometrie eines angenommenen Warpantriebs rückwärts gerechnet, ob es dazu mögliche Lösungen der Gleichung gibt. Vorläufig kann man nur sagen, daß die Gleichung einen solchen Warpantrieb zwar zulassen; aber nur weil sich die Gleichungen so auflösen lassen, daß sie die Möglichkeit des Warpantriebs nicht ausschließen (etwa, indem irgendein Wert gegen Unendlich geht, was immer ein schlechtes Zeichen ist), bedeutet nicht, daß er auch möglich ist. So setzt beispielsweise der Alcubierre-Drive, die Existenz von exotischer Materie und negativer Energie voraus. Nicht gerade das, was sich mit Schmieröl und Schraubenschlüssel hinkriegen ließe.





Zwei faszinierende Vorschläge zur Etymologie aus der Antike überlieferter Ethnonyme Nordafrikas: Luc. IV 681 Mazax könnte nach Oric Bates (1914) auf eine Wurzel MZGH zurückgehen, die "edles oder freies Volk" bedeute. Gsell (1927) und Weinstock in RE XIV.2.2349-52 s.v. "Mauretania" schlagen als Herkunft für "Mauren", "Mauretanien" usw. das semitische Maouharim, "Volk des Westens" vor.
(Bates, Oric. 1914. The Eastern Libyans: An Essay. London: F. Cass.)
(Gsell, Stéphane. 1927. Histoire ancienne de l'Afrique du nord: 5. Les royaumes indigènes. Organisation sociale, politique et économique - 6. Les royaumes indigènes. Vie matérielle, intellectuelle et morale, 8 vols. Paris: Hachette.)

702-710 Monolog als Spekulation darüber, was Curio vor seiner Ansprache an die Soldaten in Caesar BC 2.32 im Kopf gehabt haben könnte.

737-739

... leti fortuna propinqui
tradiderat fatis iuuenem, bellumque trahebat
auctorem ciuile suum. ...

Asso dazu: "L. says that the bellum ciuile is claiming Curio as its auctor (Duff’s translation in the Loeb), or better ‘civil war was claiming the man who made it’ (Bramble 1982,548)." Curio (der iuvenis der angeführten Passage) ist nach unseren Quellen der Überbringer des Ultimatums, das Caesar zu Beginn des Jahres 49 dem Senat stellt, also diejenige Figur, die den Krieg unmittelbar auslöst. -- Man könnte die Passage aber auch anders übersetzen, indem man nämlich fortuna als Subjekt beibehält und das suum in auctorem suum darauf bezieht: "Fortuna hatte den Mann dem Schicksal übergeben und zog den Bürgerkrieg als ihr Instrument (auctor) heran." (Na ja, vielleicht auch nicht.)


Noch was zum Thema "Katastrophen ziehen mich an": Seit längerem habe ich mich nicht mehr mit dem Rätsel um Flug MH 370 beschäftigt. Damals verschwand eine Boeing 777 der Malaysian Airlines auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking. Bislang hat man ein paar Wrackteile gefunden, die tausende Kilometer von der möglichen Unfallstelle entfernt an Land gespült wurden. Dieses Filmchen erzählt die Geschichte der bisherigen Ermittlungen und geht ein paar Erklärungsansätze (Entführung, Hackerangriff, Selbstmord des Piloten, Brandunfall) durch. Meine eigene Vermutung dazu ist, daß es bei MH 370 einen Zwischenfall ähnlich demjenigen gegeben hat, der 2005 die Besatzung von Helios-Airways-Flug 522 außer Gefecht setzte. Demnach wäre nach dem letzten Kurswechsel niemand mehr an Bord handlungsfähig gewesen und das Flugzeug steuerlos weitergeflogen, bis der Treibstoff verbrannt war, ehe es schließlich auf dem Ozean zerschellte. Aber was immer damals passiert ist: Jede der Hypothesen klingt letztendlich banal; es gibt wohl keine Erklärung, die faszinierender wäre als das Rätsel, an dessen Stelle sie im Aufklärungsfall treten würde.