(Zu viele Gedanken um immer das Gleiche. Wenn ich das Laufen irgendwann aufgebe, dann nicht deshalb, weil der Sport mir zu anstrengend ist, sondern weil mich mein weltrettendes Monologisieren erschöpft.)





ζούμε άχαρες μικρές ζωές





Hürxberg. In der Abenddämmerung, die schon um halb vier spürbar einsetzt, drehe ich eine Runde. Wasserbehälter, Blick zurück zur Ebene, den Weg vom Bach herauf kommen zwei Hunde. Die Wege tuscheln in meinem Rücken. Ein Falke über dem Weinberg, fesgefroren an den Wolken, zappelt und kommt nicht los. Am Bach nach kurzem Zögern (große Runde hoch in den Wald, oder lieber wieder zurück?) links runter. Verschlammter Weg, Hufspuren von Pferden, weiches Wintergras. Unter dem fransigen Rand eines Wolkenbands quellen wie aus einem zu straffen Saum hellere, dickliche Schichten klarerer Luft hervor. Draußen in der Ebene rauchen die Schornsteine. Die Ebene ist erfüllt von Brausen und Donnern. Nichts an Lichtern und Strukturen bewegt sich, nichts zeigt sich als Quelle für den Lärm, es ist, als käme das Donnern aus dem Innern der Erde, als arbeiteten da gewaltige unterirdische Maschinen im Dauerbetrieb. Die Wege, die es hier herauf geschafft haben, scheinen mit Mühe entkommen zu sein. Ein Pferd schaut mich plötzlich von oben an, regungslos, weder neugierig noch ängstlich noch erstaunt, vielleicht prüft es mich, vielleicht wartet es darauf, daß ich eine Dummheit mache, damit es sich später, wenn ich weg bin, ausschütten kann vor Lachen. Etwas zischt durch die Luft wie ein Lenkdrachen: Es ist ein Schwarm Stare, der über meinem Kopf die Richtung wechselt, abdreht, in einen Baumwipfel rauscht und darin verschwindet wie in Löschpapier getaucht. Im Blick zurück plötzlich drei Schafe auf einer Weide. Sie bemerken mich nicht, was mich mit einem seltsamen Glück erfüllt. Oberhalb der Böschung halb verdeckte Bienenkörbe, ein Schuppen, nicht größer als eine Hundehütte, Brombeergestrüpp, Haselstämme, ein bleicher Himmel voller Heimaten, die meine nicht mehr sind. Hier sind Leute zu Hause, und einst war ich einer von ihnen. Der Himmel ist immer noch da, leise schaufelt er Laub über den Rand, das die Böschung hinunterraschelt bis auf den trüben Weg, bis vor meine Füße.





(Die Melancholie einer jeden Zäsur. Nie habe ich gelernt, Zäsuren selbst zu setzen, ohne hinterher zu bereuen, daß ich sie gesetzt habe, und mit den Zäsuren, die das Jahr und seine Teile und Feste setzt, kann ich nicht anders als rückwärtsgewandt umgehen: Niemals schaue ich bei einer Zäsur anders als mit Ängstlichkeit nach vorne, und zurück nie anders als mit Traurigkeit.)





Die Traurigkeit eines Morgens, den man zu früh beginnt. Die gewaschenen Kleider auf der Leine, ein Pullover, der die Arme hängen läßt wie ein erschöpfter Sportler. Licht füllt gerade mal die eigenen vier Wände, zu mehr wäre es nicht in der Lage. Das Licht erinnert sich an Morgen von früher, als noch nichts so war wie jetzt. Als es noch die Katastrophen vom Leib halten konnte. Als es noch nichts bedeutete, traurig zu sein. Der Kühlschrank summt wie an einem Krankenbett ein Gerät, das unaussprechliche Arbeiten verrichtet. Dazu orakelt das Radio Undeutbares, aus dem Mikrophon strömt ein Wispern und Rascheln, das auch von Schilf stammen könnte, von Herbstlaub, von braunen Hecken.





Laufen, auf der Innenseite eines Schädels, auf der Suche nach den Augenöffnungen. Irgendwo denkt es in der Nacht, geht ein Wehen von Staub und Laub, kauert ein Frösteln von Mondschein. Die Ereignisse, unerkannt in ihrer Art, sind fern, gedämpft, rumpelnd; irgendwo grollt es am Gewölbe, als würden in oberen Geschossen Kopiergeräte hin- und hergeschoben; Lichter, nachdem sie sich eine Stunde lang genähert haben, verschwinden lautlos, ortlos. Wohin der Lampenschein auch fällt, ist Rand. Dahinter tun sich vielleicht Abgründe auf, wo die unteren Gedächtnisse der Nacht liegen.





Ille ego sum lignum qui non admittar in ullum;
     ille ego sum frustra qui lapis esse uelim.

Einen wie mich aber will nicht aufnehmen irgendein Baumstamm,
     einer wie ich umsonst wünscht sich zu werden zu Stein.





Es wird das sein, was es geworden sein wird.





Die Jahreszahl des Datums zu schreiben wird immer seltsamer. (Neben der tagtäglichen Aufgabe, das in ihnen verlaufende seltsame Leben auch zu leben) Scheinbar sind die Zahlen alle neutral, abstrakt und beliebig, Zahlen halt, für sich selbst ohne Bedeutung. Tatsächlich schwingt bei der "19" (aber auch schon bei der "16", der "17" und der "18") aber ihr Abstand von dem mit, was ich als mein "normales" Leben bezeichnen möchte, und dessen Verlauf sich in der Erinnerung durch "normale" Zahlen ausgedrückt findet. Ich schreibe eine "19", und fast ergreift mich ein Grauen (keine Rede von Ehrfurcht). Die Menschen im Jahr 1919 schrieben auch diese Zahl, und für sie muß jene Gegenwart ja genauso selbstverständlich die Gegenwart des Jahres 1919 gewesen sein, wie uns heute die Gegenwart selbstverständlich die des Jahres 2019 ist. Aber wenn man mal anfängt, darüber nachzudenken, ist nichts mehr daran selbstverständlich, und alle Gewißheiten zerfallen zu einem fröstelnden Nichts. Man kann die Gegenwart nicht als selbstverständlich erleben, es sei denn, man ist total gedankenblind. Wenn man das nicht ist, wird man die Gegenwart (jede Gegenwart, und dadurch, das es mehrere gibt, die nicht austauschbar oder vergleichbar sind) als höchst beunruhigend, als zutiefst verstörend empfinden müssen. Und auch, daß diese Zahl ständig wächst. Und jedes Jahr wird es aufs neue selbstverständlich, während die kleineren Zahlen es nicht mehr sind, und in diesem aus der Selbstverständlichkeit Fallen liegt das Grauenhafte. Wie war es möglich, einmal selbstverständlich im Jahr 2015 (oder 2014, oder 2013, oder 2012) gewesen zu sein? (Und doch fühlte es sich normaler an, 2012 zu schreiben. Als dehnte man einen vertrauten Körper in unzulässig extreme Werte.)