Pappiges Rascheln, Dukelheit, Regen, rauschende Straßen noch vor dem Wachwerden. Und Blink- und Piepsfahrzeuge sind auch schon unterwegs. Hier ist praktisch täglich irgendeine Abfallspezies zur Abfuhr dran. Es lebe das Wachstum, der Fortschritt und die Mülltrennung.





Systemrelevanz: Das Nützliche, das Notwendige, was ist es, was ist seine Natur? Es ist banal! Es ist trivial. Eben weil es nützlich ist, ist es langweilig. Kein Wort darüber zu verlieren, es versteht sich ja von selbst. Es fügt der Welt nichts hinzu, was diese an Forderungen nicht schon kennt. Der Mensch aber ist das Wesen, das stets mehr will als das Dasein, mehr will, als das Leben fordert, ja, mehr will als das Leben selbst. Er strebt danach, das Notwendige hinter sich zu lassen. Nicht um der Sicherheit willen – sondern um sich dem Überflüssigen hingeben zu können. Wenn ihm das nicht gelingt, gibt er sich dem Überflüssigen trotzdem hin, indem er sich über die Notwendigkeit hinwegsetzt oder sie ignoriert. When trouble strikes head for the library. Es heißt, während der Petersburger Blockade seien die Konzertsäle und Theater der Stadt voller Menschen gewesen. Langeweile kann schlimmer sein als Hunger. Wer aber satt ist, langweilt sich mit Sicherheit früher oder später. Leo Lionni hat mit der Maus Frederick eine treffende Parabel über das Problematische der Systemrelevanz geschrieben. Gedichte über Sonnenstrahlen, Blumen und Farben ist wohl genau das, was die Verfechter der Systemrelevanz als erstes streichen würden, wenn die Lage sich zuspitzt. Und doch ist es das, was am Ende zählt, wenn die Nahrung aufgebraucht und der Winter noch lang ist. Ein atheistisches Argument lautet: Wo bleibt denn die Pizza, wenn ich Hunger habe und zu einem imaginären Wesen bete? Die Antwort ist natürlich: den Zweck des Gebets verfehlt, wer sich davon manifeste Hilfe in Form von Nahrung verspricht. Der Zweck des Gebets ist es, den unvermeidlichen Hunger erträglich zu machen.


Wer das Wort Systemrelevanz in den Raum spricht, muß sich Fragen nach dem System anhören.


Tatsächlich kann das Wort ja noch etwas ganz anderes bedeuten: Die Relevanz des Systems nämlich.


Wer Systemrelevanz fordert, hat schon sein Bündnis mit dem System geschlossen.


Das System, machen wir uns nichts vor, ist zum Beispiel dasjenige, in dem jahrelang erbittert über die Einführung eines Mindestlohns gestritten wurde. Das System ist eines, in dem Menschen in Not, denen keiner helfen will, herumgeschoben werden wie Sondermüll. Das System ist eines, in dem Rettungsschiffen die Landung im Hafen untersagt wird, weil sie die falschen gerettet haben.


Wer sich nützlich macht, treibt die Interessen des Nutznießers voran. Das ist nur im Idealfall dieselbe Person.


Systemrelevanz, was habe ich mich in meiner Jugend über diesen Quark geärgert. Nichts von dem, was mich interessierte, ist jemals systemrelevant gewesen, selbst in der großzügigsten Auslegung des Begriffs nicht. Nordamerikanische Indianersprachen! Theoretische Linguistik! Indogermanistik! Modallogik! Mögliche-Welt-Semantik! Das Modussystem des Lateinischen! Sprach ich außerhalb des Kreises meiner Kommilitonen über meine Studienfächer, traf ich kaum je einen, der Neugier an der Materie gezeigt oder wenigstens Neugier dafür aufgebracht hätte, warum mich ausgerechnet diese Dinge interessierten. Das war selten die Frage. Die Frage war nach demjenigen Aspekt meiner Interessen, den man seit einigen Wochen unschön Systemrelevanz nennt, und sie erfolgte, mit wenigen Varianten, immer in derselben Form, als hätte man lauter Ausgaben von Bibi, der sprechenden Puppe vor sich gehabt: Und was macht man dann mal damit? Die einzige akzeptierte Antwort darauf wäre natürlich gewesen: Ich will noch viel mehr Spielzeug haben.





Der gewaltige Überdruß an allem, was mit dem Virus zu tun hat. Die Allgegenwart der sprachlichen Reflexe der Pandemie (um nur die häufigsten zu nennen: „Mund-Nasen-Bedeckung“, „Abstands-“, „Hygiene-“ oder, der Gipfel der Dämlichkeit, „Coronaregel“, was soll das sein, ein Krönungsprotokoll?) erzeugen einen Widerwillen wie ein nervtötendes, unregelmäßig erklingendes Geräusch, dessen Ursache man zwanghaft auf den Grund gehen muß, um es zum Schweigen zu bringen. Es gibt Tage, da verspürt man das dringende Bedürfnis, laut schreiend wegzulaufen. Aber wohin? Es ist ja überall dasselbe. Die Wörter dringen ins Unterbewußte ein wie lexikalische Parasiten, wie Ohrwürmer einer verhaßten Melodie, die gerade deshalb in Dauerschleife im Ohr bleibt, weil man sie nicht ausstehen kann.





Die entgegenkommende Joggerin, die mich schon aus zwanzig Metern Entfernung anherrscht, „Rechts oder links?“ und mich dann mit einem „Gutenmorgen!“ im Kasernenton anbellt – solche gibt es auch. Und dann gibt es die Hundehalter, die selbst während der Kulmination der Krise nie Abstand davon genommen haben, sich zu viert oder fünft (Tiere nicht eingerechnet) zu ihrer gemeinsamen Hunderunde zu treffen.





• sich einer Zahnbehandlung unterzogen?
• ein MRT von einem Teil Ihres Körpers machen lassen?
• sich einem chirurgischen Eingriff unter Vollnarkose unterzogen?
• ein Antibiotikum genommen?
• eine Röntgenaufnahme von einem Teil Ihres Körpers machen lassen?
• ein Schmerzmittel genommen?
• sich nach der Wettervorhersage gerichtet?
• ein Antiallergikum genommen?
• Sonnenschutzcreme benutzt?
• Reisetabletten genommen?
• Wasseraufbereitungstabletten benutzt?
• eine Malaria-Prophylaxe durchgeführt?
• wegen eines Insektenstichs den Arzt konsultiert?
• wegen eines Knochenbruchs den Arzt konsultiert?
• Tragen Sie eine Brille?
• Tragen Sie Kontaktlinsen?
• Benutzen Sie ein Hörgerät?

Wenn Sie mehr als zwei Fragen mit ja beantwortet haben, dann verzichten Sie bitte in Zukunft darauf, die Wahrheit finden zu wollen; hören Sie auf, von auseinandergehenden Zahlen, widersprechenden Angaben und vor allem von entgegengesetzten Meinungen zu faseln. Vertrauen Sie dem Robert-Koch-Institut und vergleichbaren Institutionen, wie Sie ihrem Sonnenschutzmittel vertrauen, richten Sie sich nach den Anordnungen der Regierung und machen Sie sich ansonsten einen schönen Tag. Danke.





Im Zuge der Pandemie treten gewisse unappetitliche Details der Funktionsweisen des menschlichen Atemwegsystems und der menschlichen Mundwerkzeuge ins Bewußtsein, über die wir bislang in fröhlicher Ignoranz befangen sein durften. Es ist zu hoffen, daß wir dieses Wissen wieder verlernen, sobald alles ausgestanden ist. Sonst könnte eine ganz neue Kultur und Ordnung des Ekels heraufdämmern und Spuckschutz und Atemmaske so selbstverständlich werden wie jetzt schon Einwegkanülen, Papiertaschentücher, Eßbesteck, Toiletten mit Wasserspülung, oder daß Hotelbetten für jeden neuen Gast frisch bezogen werden.





Mors stupebit et natura
cum resurget creatura.





Frischfleisch ausverkauft, Reis, Nudeln, Tomatensaucen ausverkauft, Hygieneartikel aller Art schon seit Tagen ausverkauft, und jetzt ist auch mein Lieblingswein weg. Die Leute haben Geschmack: der ist nicht einmal günstig. Aber hätten die Idioten zum Hamstern nicht die Plörre aus dem Tetrapak nehmen können? Man ist entschlossen, scheint mir, die Krise auf hohem Niveau zu feiern.





(Jetzt geht das Theater wieder los, daß über die sogenannte Wahl in den USA ausführlicher berichtet wird als über den Bundestagswahlkampf. Es scheint fast so, daß die Politik der USA größeren Einfluß auf die Bürger Deutschlands hat als deren eigene Regierung.)





(Jonathan Franzen empfiehlt, einzusehen, daß der Klimawandel nicht aufzuhalten ist, und plädiert dafür, sich um lösbare Probleme zu kümmern. Damit ist er selbst Teil des Problems, dessen Unlösbarkeit er behauptet.)