Dienstag, 25. Juni 2019

Daß es sehr dunkel ist, dunkler aus sonst, fällt mir zwar gleich auf, stelle auch fest, daß ich die Läden nicht tiefer als sonst heruntergelassen habe, aber ich begreife nicht, was los ist, denke, während ich schlaftrunken und einen bösen Traum abschüttelnd nach den Hausschuhen taste, daß es eben mitten in der Nacht ist und daher folgerichtig finster. Auch im Bad vermute ich nur, daß die Nachtleuchte wohl kaputt gegangen sein muß und stelle zuerst keine Verbindung zu der auffallend dichten Dunkelheit her. Erst als ich den Lichtschalter drücke und nichts passiert, begreife ich, daß der Strom weg ist. Der Wecker ist dunkel, der Router ein schwarzer Block, und es ist deshalb so dunkel, weil auch die Straßenlaternen nicht mehr leuchten. Also fische ich die seit April nicht mehr benutzte Stirnlampe von ihrem Haken und lege mir die Armbanduhr auf den Nachttisch, das Ziffernblatt zeigt halb zwei. Um fünf muß ich raus, hoffentlich werde ich rechtzeitig wach, entweder um fünf oder irgendwann vorher, wenn der Strom wieder da ist und ich den Wecker stellen kann.
Es ist höchst erstaunlich, mache ich mir in der nächsten schlaflosen Stunde klar, wie die Literatur unsere Wahrnehmung prägt. Oder käme mir ohne die Lektüre der Wand, der Arbeit der Nacht, insbesondere von Ende diese Finsternis auch so dicht, so unheilvoll, so sinister vor? Denn nicht nur ungewohnt dunkel ist es, es ist auch ungewohnt still, als wäre irgendeine Maschine, an deren leises Summen man sich so gewöhnt hat, daß man es nicht mehr wahrnimmt, im Stromausfall abgesoffen und hätte jetzt eine Stille hinterlassen, die ebenso fremd wie bedrohlich ist, unheilverkündend. Auch Autos hört man keine mehr, auch keinen Luftverkehr, auch keine Geräusche von Wohnungsnachbarn. Nicht nur der Strom, scheint es, ist ausgefallen, die Menschen sind es auch. Keine simple Panne hat sich ereignet, sondern eine stumme Katastrophe. Die Menschen sind tot oder verschwunden. Vielleicht wird es nie wieder hell. Vielleicht kommt der Strom vorerst nicht wieder, und in wenigen Stunden beginnen die Plünderungen der Supermärkte, weil die Registrierkassen nicht mehr funktionieren und die Märkte sich weigern, Lebensmittel herauszugeben.
Ob das Leitungswasser noch läuft? Ich denke an eine Szene in Cormac McCarthys The Road, und mich fröstelt.
Irgendwann höre ich, wie im Treppenhaus eine Tür aufgeht. Schritte schlurfen ein paar Treppen hoch oder runter, bleiben irgendwo stehen. Die Wohnungstür wird nicht wieder geschlossen, jedenfalls höre ich nichts. Immerhin bin ich nicht allein, aber ob das ein gutes Zeichen ist? Was mache ich, wenn der Strom am Morgen noch nicht wieder da ist? Haben die Bahn und die Straßenbahn eigentlich eigene Netze? Hat es überhaupt Sinn, zur Arbeit zu fahren? Wie lange komme ich schlimmstenfalls mit meinen Lebensmitteln aus? Wo gäbe es Wasser, das man unabgekocht trinken kann?
Über solchen Fragen bin ich am einschlummern, als mich das Dingdong der Telephonstation aufschreckt, und in diesem Moment gehen auch die Straßenlampen wieder an. Der Router flackert sich ins Leben zurück. Die Leuchtanzeige des Radioweckers blinkt. Der Kühlschrank beginnt zu summen, zum Glück habe ich vorhin an den nicht auch noch gedacht, sonst hätte ich mir noch mehr Sorgen gemacht. Es ist halb drei. Ich stelle die Uhrzeit neu und den Wecker und lege mich beruhigt hin.
Und seltsam: Als wäre die Maschine wieder angesprungen, beginnt die Nacht tatsächlich wieder zu arbeiten; die Flugzeuge brummen wieder über den Himmel, als hätten sie den Stromausfall regungslos und mit stummen Triebwerken schwebend in der Luft abgewartet. Ein Auto braust über die Durchfahrtsstraße hinter dem Block. Ein Güterzug rasselt in der Ferne vorüber. Die Nacht hat wieder Elektrizität, ihre Räder drehen sich, ihr Mahlwerk mahlt.





Montag, 24. Juni 2019

Fünf Uhr früh, im Fenster dümpelt ein krummer Mond, wie eine eingedrückte gelbe Pflaume. Schlaftrunkener Himmel, feuchtes Grau. Eine Stunde fehlt der Nacht. Die Lider sind schwer in der Wärme, sie schwimmen wie schmutzige Plastikplanen auf der Oberfläche des Wachseins, darunter wartet der Schlaf. Das Wasser kocht, das Radio zirpt, der Mond trieft von Dunst.


Kaffee, Nachrichten, eine Mail schreiben, rein in die Laufschuhe und los. Anders als die letzten Nächte hat es nicht abgekühlt, die Luft ist glatt und weich und ohne Konturen. Duftlos: Steingärten und Asphalt geben keinen Geruch von sich. Erst an den Wiesen am Villehang belebt sich die Luft, formt sich zu einem Körper, atmet auf mit Bäumen und Schatten und Spinnweben. Lungenflügel aus sattem Licht weiten sich über den Zäunen.


Überall jetzt die Übernachtungsplätze, die stummen Winkel, das Grün von Geheimnissen, wie Küsten leuchtet es schwach jenseits der schattenspendenden Kronen. Stehenbleiben in einem Gefunkel hunderter Mücken. Die Mücken saugen, und Wasser, lassen.


Man erkennt die Hochstände nicht mehr leicht im dichten Laub. Sie sind immer schon da, wenn man aufblickt, haben den Herankommenden immer zuerst gesehen. Vielleicht treffen sie sich nachts auf einer mondbeschienenen Wiese und tuscheln miteinander. Am Morgengrauen nehmen sie dann ihre Plätze wieder ein.


Aus gegebenem Anlaß denke ich über Impfungen und das Immunsystem nach. Später werde ich in der Straßenbahn am Oberarm einer Gegenübersitzenden genau so ein Pflästerchen entdecken, wie ich selber gestern trug. Vielleicht haben wir denselben Arbeitgeber. „Keine besondere Schonung erforderlich“, das gefällt mir.


Es mangelt nicht an Disziplin, es mangelt an einem Plan. Meine Disziplin arbeitet im Leerlauf.


Melone, Kartoffelchips, Tee und Schokolade zum Frühstück.





Freitag, 21. Juni 2019

Mühsam die Arbeit der Schatten, das Kreisen um Türme und Zeiger.
     Wo war der Juni? Umsonst jagten die Segler das Licht.

(SA 5:06; SU 21:42)





Mittwoch, 19. Juni 2019

(Mails von Campact, deren Betreff mit "Fwd:" oder "Re:" anfangen, werden ab sofort ungelesen gelöscht.)





Dienstag, 18. Juni 2019

Und die Schafe mit ihrem Tiergeruch. Eine ganze Herde liegt da in der Sonne und im Schatten von Buche und Ahorn, kaut und liegt und schaut und riecht. Nach Wolle, nach Schafsdung, nach Milchlamm, nach dem satten, saftigen Grün.
Ein Café ist gleich um die nächste Biegung.
Von mir aus müssen wir nicht.
Von mir aus auch nicht.
Zwei Augenpaare voll Schalk, schauen sich an, wissen wenig, brauchen nichts zu wissen. Nur Nasenflügel blähen sich, beben, wie Insekten, wie Lungenhautflügler, als der Schafsgeruch in die Stirne strebt. Von einem umgestürzten Baum hängt ein duftender Bocksbart. Gott Pan persönlich kämmt hufige Sanftheit aus der Luft.
Wenn dann die Wege lang werden, drückt der Mittag, macht der Tag ein Hohlkreuz, das bückt sich unter Schatten hindurch, und schmal fallen die Bäche durchs Licht, wo die Buchen die Vernunft ausbluten lassen und wilde Möhren den Kopf im Grund kühlen.
Da haben es zwei eilig, da springen zwei über den Weg. Hände umtänzeln Hüfte und Brust, wie Hunde: Spielst du? Spiel mit mir!
Küsse? Natürlich, die gibt es auch, darauf läuft es hinaus auf dem hinreichend langen Weg. Nicht als ob nichts wäre, sondern so, daß alles ist. Küsse wie Wellenschlag am ferneren Ufer eines Sees. Küsse wie das Blinde hinter geschlossenen Lidern. Ein See, an dessen schlammigem Grund vergessene Uhren lagern. Aus Booten gefallen, von Gelenken gerutscht, beim Schwimmen vergessen, in versunkenen Palästen zurückgelassen. Uhren auf der Suche nach ihrer Zeit, blind, die Zeiger tastend wie Zungen.
Solche Küsse sind. Im Mittag, auf seiner abgewandten Seite.
Zerfließende Töchter von Schatten, die Felle zu Tal ziehen. Muß nur die Wiese mit den Beinen strampeln, schon fliegt ein Schuh ins Gebüsch. Was hinterherfliegt, hat keiner gesehen.
Später ist später, eine ermattete Zeit. Langsame Kähne hobeln Schicht um Schicht Licht vom geduldigen Strom. Geschundene Brauen, es brennt von Zucker und Haut, durch die sich die Stunden beißen hinaus ins Freie und Helle des Schlafs.





Montag, 17. Juni 2019

(Der aktuelle (17.6.2019) Zählerstand für Schwarzweißkopien auf unserem Dienstkopierer ist die Postleitzahl von Bad Laasphe.)





Freitag, 14. Juni 2019

Die Jahreszahl des Datums zu schreiben wird immer seltsamer. (Neben der tagtäglichen Aufgabe, das in ihnen verlaufende seltsame Leben auch zu leben) Scheinbar sind die Zahlen alle neutral, abstrakt und beliebig, Zahlen halt, für sich selbst ohne Bedeutung. Tatsächlich schwingt bei der "19" (aber auch schon bei der "16", der "17" und der "18") aber ihr Abstand von dem mit, was ich als mein "normales" Leben bezeichnen möchte, und dessen Verlauf sich in der Erinnerung durch "normale" Zahlen ausgedrückt findet. Ich schreibe eine "19", und fast ergreift mich ein Grauen (keine Rede von Ehrfurcht). Die Menschen im Jahr 1919 schrieben auch diese Zahl, und für sie muß jene Gegenwart ja genauso selbstverständlich die Gegenwart des Jahres 1919 gewesen sein, wie uns heute die Gegenwart selbstverständlich die des Jahres 2019 ist. Aber wenn man mal anfängt, darüber nachzudenken, ist nichts mehr daran selbstverständlich, und alle Gewißheiten zerfallen zu einem fröstelnden Nichts. Man kann die Gegenwart nicht als selbstverständlich erleben, es sei denn, man ist total gedankenblind. Wenn man das nicht ist, wird man die Gegenwart (jede Gegenwart, und dadurch, das es mehrere gibt, die nicht austauschbar oder vergleichbar sind) als höchst beunruhigend, als zutiefst verstörend empfinden müssen. Und auch, daß diese Zahl ständig wächst. Und jedes Jahr wird es aufs neue selbstverständlich, während die kleineren Zahlen es nicht mehr sind, und in diesem aus der Selbstverständlichkeit Fallen liegt das Grauenhafte. Wie war es möglich, einmal selbstverständlich im Jahr 2015 (oder 2014, oder 2013, oder 2012) gewesen zu sein? (Und doch fühlte es sich normaler an, 2012 zu schreiben. Als dehnte man einen vertrauten Körper in unzulässig extreme Werte.)





Donnerstag, 6. Juni 2019

Juni, ein greller Jahrmarkt. Zähe, klebrige, süße Luft, als watete man durch das nicht mehr ganz frische Innere einer Torte.

Sahne, Marzipan, ein gärender Strauch Kirschen, Wurzeln wie Löffel, um den Rand von Pfützen stauen sich Zuckergüsse. Nicht sauber geklebt, der Holzleim tritt über die Zunge und tropft unters Hemd. Wasserläufer testen, ob der Tümpel schon trägt.

Der Asphalt schmeckt nach einem Fiebertraum, der Gaumen wird davon pelzig, wie Brause platzen die Wolken, regnen tut es nicht. Es wartet. Es tränkt die Hügel mit Schweiß. Es schiebt Wolken zusammen im Hof. Mehr Wolken, glühende Wolken, wie die Fäden aus einer Zuckerwattetrommel.

Insekten wie Nadeln, die meine Haut feststecken, daß sie bei der Anprobe nicht verrutscht. Wie Wüstensand wandert der Pollen, scharf wie Pfeffer. Ein Griff in den Wind: als tauchten die Finger in einen alten Kaugummi unter der Schulbank. Ausgespuckt und festgeklebt letzten Sommer, als es auch schon so heiß war.

Nachts dann betrinken sich irgendwo Keller, lassen sich vollaufen, während der Himmel von Bässen schwankt. Im Halbschlaf höre ich ein Flugzeug, unsicher folgt es dem gesprungenen Glas der angeschwärzten Himmelskuppel. Die Feuerwehrsirenen sind piepsige Stimmchen, sie wollen nach Hause, ehe die Türme bersten. Mein Kopf und das Kissen, allein spielen sie Reise nach Jerusalem. Die Flugzeuge haben sich zum Horizont geangelt. Als die Musik verstummt, wringe ich meine Zunge aus, ziehe ich mir einen Traum über die Ohren und lasse das Kissen gewinnen.





Dienstag, 4. Juni 2019

Soll ich jetzt noch und noch und noch einen Text über meine Laufstrecken schreiben? Den Acker noch weiter bearbeiten? Ja. Es ist ein Irrtum zu meinen, daß man damit, wie mit überhaupt irgend einem Stück Welt, je fertig würde. Es geht nicht um Ermüdung, die Welt läßt sich nicht ermüden. Reiß dich zusammen, schreib! Es geht um Erneuerung. Es geht um Gründe. Es geht um alles. Jahreszeiten, Flora, Fauna, Landschaften, äußere kartierte, innere unkartierte, Wege ins Dickicht, Wege ins Freie, das Aquarell des Himmels, das Gewicht der Wolken, des Lichts, und alles als Ursache und Grund zu Worten, ihre Rechtfertigung. Oder ist es umgekehrt? Sind die Worte die Rechtfertigung dafür, daß überhaupt etwas da ist? Die Abtragung vielleicht einer elementaren Schuld, die wir am Dasein haben, einer Schuld, die sich nur dadurch sühnen läßt, daß man dichtet?





Dienstag, 21. Mai 2019

Una salus victis nullam sperare salutem.