Mittwoch, 16. Juni 2021

Der große Filter. Gemeint ist damit eine Art Barriere, die die Entwicklung einer intelligenten Spezies zu eine interstellaren Spezies blockiert. Eine solche Barriere könnten etwa Gammablitze sein, die mit einer großen statistischen Wahrscheinlichkeit früher oder später jede Zivilisation auslöschen; eine Barriere könnte aber auch die unvermeidliche Selbstauslöschung einer Zivilisation sein, sobald diese einen bestimmten Entwicklungsstand erreicht hat (etwa die Fähigkeit, die Zusammensetzung der Atmosphäre ihres Heimatplaneten zu verändern). Wenn es solche Barrieren gibt, dann stellt sich die Frage, wo die Menschheit steht. Zweifellos ist das Leben auf der Erde wiederholt durch schwere Zeiten gegangen. Wenn wir nun nirgends im Universum auch nur schwächste Indizien für das Blühen interstellarer Zivilisationen entdecken, könnte das daran liegen, daß es bisher noch keiner Zivilisation in beobachtbarer Nähe gelungen ist, eine interstellare Zivilisation zu werden -- sonst hätten entweder wir sie oder -- wahrscheinlicher -- sie uns bereits entdeckt. Sind wir dann die ersten, die es schaffen werden? Haben wir das Nadelöhr bereits hinter uns? Oder steht uns die große Prüfung noch bevor? Wenn ich das richtig verstanden habe, würde die Entdeckung außerirdischer Lebensformen es wahrscheinlicher machen, daß das Nadelöhr erst noch kommt. Denn mit einer solchen Entdeckung würde sich die Wahrscheinlichkeit für die Entstehung von Leben überhaupt erhöhen; damit aber auch die Wahrscheinlichkeiten für intelligentes Leben; und damit auch die Wahrscheinlichkeit für interstellare Zivilisationen. Je wahrscheinlicher dies aber ist, desto bedrohlicher muß sein, daß Anzeichen solcher Zivilisationen fehlen. Denn dann muß es etwas geben, das ihre Entstehung verhindert. Und das wäre dann der große Filter. Und das wiederum würde bedeuten, daß wir den Filter vor uns haben und unser Ende nur eine Frage der Zeit ist.


Afranius, dessen Legionen, von Caesars Truppen auf einem wasserlosen Hügel eingekesselt, am Verdursten sind, tritt persönlich vor seinen Gegner und bietet die Kapitulation an. Afranius: Wäre ich von einem unwürdigen Gegner (degeneri sub hoste) in diese Lage gebracht worden, würde ich kämpfen bis zum Tod; vor dir, Caesar um Gnade zu bitten, ist keine Schande. ("Daß ich dich für würdig halte, uns das Leben zu schenken, Caesar, ist der einzige Grund, warum ich dich darum bitte", at nunc causa mihi est orandae sola salutis Dignum donanda, Caesar, te credere uita (Lucan IV 346f)

nec cruor effusus campis tibi bella peregit Nec ferrum lassaeque manus: hoc hostibus unum, Quod uincas, ignosce tuis. "Nicht das vergossene Blut auf dem Feld, noch das Schwert und die erschöpfte Hand, die es führt, haben dir [Caesar] den Krieg gewonnen; dies eine nur verzeih deinen Feinden: daß du (dennoch?) siegst." Ein seltsamer Satz. Poetryintranslation ergänzt ein "still", dennoch, "daß du dennoch gesiegt hast" (also ohne unseren Widerstand). Will Afranius damit sagen, daß eine Kapitulation des Gegners für den Sieger weniger ehrenvoll ist als ein Sieg in der Schlacht?

Ansonsten erspart Lucan dem Leser mal wieder nichts; und die Beschreibung des Durstes und der Qualen der Ausgedörrten, wie sie mit Schertern nach Wasser graben, wie sie Rindenbast kauen und Tau von Zweigen pressen, wie sie nach Art der Tiere Milch direkt aus dem Euter von Vieh zu trinken versuchen, oder, wenn keine Milch mehr kommt, noch das Blut aus dem Euter saugen, wie sie aus schlammigen Pfützen voll Unrats trinken und prompt auch noch Durchfall bekommen; diese Schilderungen also erinnern in der Erfindung der Details wieder an Ovid, ohne jedoch dem Dichter der Metamorphosen in dessen grotesken Übertreibungen zu folgen.


"Das Universum ist zu schön, um nicht von jemandem gesehen zu werden."





Dienstag, 15. Juni 2021

Lucan IV 275: uincitur haut gratis iugulo qui prouocat hostem. Herumgerätselt, was damit bitte gemeint sein soll. Der Kontext: von Caesars Truppen eingekesselt, entschließt sich der verzweifelte Feind zu einer todesverachtenden Tat und greift an. Caesar aber befiehlt seinen Soldaten, mit dem Schwert zu sparen und abzuwarten, daß der Ansturm sich von selbst totläuft. Und dabei sagt er die angeführte Gnome, die ich mal unbeholfen-wörtlich als "Nicht ohne Preis wird besiegt, wer den Feind zum Morden provoziert" wiedergeben will. Wie aber findet dieser Allgemeinplatz Anwendung auf die Handungssituation? Das hängt von der Frage ab, auf wen der "Feind" in der Gnome Anwendung findet: Sind es Caesars Feinde, oder ist es der Feind aus Sicht der Feinde, also Caesars eigene Soldaten? Hier folgende Übertragung gefunden: "he who provokes his foe into giving up his life, gains victory at little cost." Lange gegrübelt, wie das mit dem lateinischen Vers zur Deckung zu bringen wäre. Manchmal ist man ja langsam und steht sich selbst im Weg, weil man sich von einer bestimmten Interpretation nicht freimachen kann. In diesem Fall war es die Vorstellung, der "Feind" müsse der Feind sein, Caesars Feind; und völlig ratlos gewesen wegen des passiven vincitur. Erst eine zweite Übertragung machte die Sache klarer: "he falls not without price Who with his life-blood challenges the fray." Das heißt, dein Sieg durch den Heldentod deines Gegners hat dennoch seinen Preis (in Blut), wozu auch der Vers ... iuventus ... damno peritura meo, "die Truppe, die zu meinem Schaden zugrunde geht", paßt. Was die erste Übersetzung ("he who provokes ...") eigentlich sagen will, wenn nicht das genaue Gegenteil der zweiten, ist mir nicht klar.

Eine seltsame Konstruktion ist Lucan IV 280: perdant velle mori Das kann wohl nur soviel heißen wie "sollen sie es ruhig aufgeben, sterben zu wollen", eine Konstruktion mit perdere, die mir neu ist. Nichts dazu gefunden in den Wörterbüchern.


Versucht, die Konzepte der Kumulativen Inzidenz, der Inzidenzdichte und der Inzidenzrate zu verstehen. Ok, die Kumulative Inzidenz C ist der Anteil der Menschen N1 an der Beobachtungsmenge N0, die in einem gegebenen Zeitraum mindestens einmal an der Krankheit erkranken: C = N1/N0. Ist die Beobachtungsmenge gleich der Gesamtbevölkerung, spricht man von der Prävalenz P einer Krankheit. Sie ist eine Zahl zwischen 0 und 1 und kann, auf eine bestimmte Person bezogen, als Wahrscheinlichkeit für diese Person interpretiert werden, im gegebenen Zeitraum an der Krankheit zu erkranken.

Die Inzidenzdichte I ist kein so einfaches Konzept mehr. Das beginnt schon mit dem darin zum Tragen kommenden Begriff der "Personenzeit unter Risiko". Ok, als Risikozeit bezeichnet man die Zeit, die ein Individuum gesund ist, also dem Risiko unterliegt, zu erkranken. Die Personenzeit unter Risiko ist nun die Risikozeit aller betrachteten Individuuen zusammengenommen. Die Inzidenzdichte ist dann das Verhältnis der Anzahl von Erkankungsfällen n pro Personenzeit unter Risiko T: I = n/T. Dieser Wert liegt zwischen 0 und unendlich pro Zeiteinheit, wobei die Einheit austauschbar ist, da sie unabhängig ist von der Länge des Beobachtungszeitraums, wofern angenommen wird, daß die Inzidenzdichte konstant bleibt (bei chronischen Erkrankungen beispielsweise). Ich muß gestehen, daß ich mir unter diesem Wert absolut nichts vorstellen kann. Was ist das intuitiv? Keine Ahnung. Ist das überhaupt ein Wert, für den die Alltagssprache einen Begriff hat wie etwa "Geschwindigkeit" oder "Beschleunigung"?

Die Inzidenzrate R ist wieder einfach. Sie ist das Verhältnis zwischen Anzahl der Erkrankungen n und dem zeitlichen Mittel der Populationsgröße N. Zeitliches Mittel deswegen, weil in jeder Population Zu- und Abwanderung, Sterbefälle und Geburten auftreten und die Zahl der beobachteten Individuen je nach gewähltem Zeitraum mehr oder weniger start schwankt. Multipliziert man die gemittelte Populationsgröße mit der Länge des Beobachtungszeitraums, erhält man unter Vernachlässigung der Krankenzeiten wieder die Personenzeit unter Risiko. Weswegen R und I manchmal gleichgesetzt werden.





Montag, 14. Juni 2021

Die Paarhufer (Artiodaktyla) (die so heißen, weil sie eine gerade Zehenzahl haben, also zwei oder vier), Schwestergruppe Unpaarhufer (Perissodaktyla), umfassen die Untergruppen der Flußpferde-und-Wale (Flußpferde sind wahrscheinlich enger mit den Walen verwandt als andere Paarhufer), Wiederkäuer (Ruminantia), Schweineartige (Suina) und die Schwielengänger (Tylopoda, das sind die Alt- und Neuweltkamele). Die Kamele käuen zwar wieder, sind aber aus anderen Gründen keine Ruminantia; ihr Wiederkäuen ist das Ergebnis konvergenter Evolution, wie der Vergleich des Aufbaus ihres Magens und der Mägen der echten Ruminantia zeigt. Es gibt also Wiederkäuer, die wiederkäuen, und Tiere, die wiederkäuen, aber keine Wiederkäuer sind. Die Gruppe der Ruminantia ist wohl die mit der größten Vielfalt innerhalb der Paarhufer. In ihr finden sich die Stirnwaffenträger (Pecora) und die sogenannten Hirschferkel. Erstere unterteilt die Systematik in Giraffenartige, Hirsche, Hornträger (hierhin gehören Rinder, Schafe, Ziegen ... aber auch Gazellen) sowie die Gabelhornträger (Gabelböcke). Bei den Hirschen sind Hirsche im weiteren Sinne (Cervidae, mit den Untergruppen Cervinae und Capreolinae) und Hirsche im engeren Sinne zu unterscheiden. Hirsche im engeren Sinne haben den Systematikpfad Cervidae/Cervinae/Cervini/Cervus. Innerhalb der Capreolinae (Trughirsche), der Schwestergruppe der Cervidae innerhalb der Hirsche s.l. findet sich auch unser gewöhnliches Reh (Capreolus capreolus) mit dem Systematikpfad Capreolinae/Capreolini/Capreolus. Übrigens gehören auch der Elch und das Ren zu den Capreolinae, und zwar als Tochtergruppe der Schwestergruppe (N.N.) der Capreolini, sind also Cousins der Rehe -- und damit näher mit unserem heimischen Reh als mit dem heimischen Rothirsch (Rothirschen?) verwandt. (--> Abteilung Jetzt-müßte-ich-mir-das-nur-noch-merken)


gladius dissuasor iusti (Luc. IV 248) -- klingt fast so, als habe das Schwert einen eigenen Willen, eine eigene katastrophische Absicht. Dahinter steckt wohl die Einsicht, daß Gewalt eine Eigendynamik besitzt; ist erst einmal die letzte Hemmschwelle überwunden, tötet es sich von ganz allein, dum feriunt, odere suos, animosque labantis Confirmant ictu, während sie zuschlagen, beginnen sie, die ihren zu hassen, und ihren schwankenden Sinn stärken sie mit jedem Schlag. -- Im übrigen verstehe ich nicht ganz die Rhetorik des Petreius, und wie dessen etwas dürre Rede es schafft, die eben wiederverbrüderten Soldaten zu neuem Haß aufeinander anzustacheln. Der Verweis, sie hätten Pompeius, der nichtsahnend am Rand der Welt nach Verbündeten suche und noch nicht ahne, daß die Verbrüderung ihn schon aufgegeben habe, verraten, klingt ja nicht schlecht; aber kann das in den Augen der Soldaten überzeugen, daß es besser ist, den Kumpanen zu erschlagen, als den fernen Heerführer zu verraten? Frieden gegen Freiheit, darauf basiert das zweite Argument. non hoc civilia bella, Ut vivamus, agunt, der Bürgerkrieg geht nicht darum, zu überleben. Sondern? Unsere Freiheit wird niemals der Preis und der schändliche Gegenwert für unsere Rettung sein. Wir werden in die Sklaverei verschleppt unter dem Anschein (nomen) der Freiheit. Nie, so der Gedanke weiter, würden Menschen Erz für Waffen schürfen, nie Wehrmauern bauen, nie Flotten übers Meer schicken, wenn Frieden gegen Freiheit käuflich wäre. Nun, große Worte. Und die Brüderlichkeit? In dieser Stelle geht es wieder einmal um die Frage nach dem Wert des Einzelnen (Frieden) gegenüber dem Wert der Gesellschaft (Freiheit), oder anders ausgedrückt: Petreius beschwört einen Wert, von dem der einzelne Soldat nicht das geringste zu gewinnen hat. Ob der Soldat unter der Res Publica Libera dient oder unter einem Tyrann, ergibt wenig Unterschied. Wobei Freiheit, könnte man sagen, weder von einem Sieg Pompeius' noch von der Durchsetzung Caesars zu erwarten ist. Was der kaiserzeitliche Leser Lucans in seiner Position der Rückschau sehr wohl weiß.


Wie verschiebt man ein ganzes Sonnensystem? Hier wird's erklärt.






Donnerstag, 10. Juni 2021

Im Kluge Bruder nachschauen wollen und bin erst einmal an der Codierung gescheitert. Eine zweite Suche im Katalog der USB Köln führte auf einen Volltext, was weniger schick, aber immerhin brauchbar ist. Dort die idg. Wurzel *bhrá:tor- gefunden.


Verners Gesetz: die infolge der ersten (germanischen) Lautverschiebung aus idg. *p, *t, *k, *kʷ entstandenen *f, *þ, *χ, *χʷ wurden stimmhaft, sofern der grundsprachliche Akzent folgte. Ging der Akzent voraus, blieben sie stimmlos. Stimmlose Frikative werden in der zweiten (hochdeutschen) Lautverschiebung zu stimmhaften Plosiven, also b, d, g; während stimmhafte Frikative zu stimmlosen Plosiven werden. Dt. Vater geht auf idg *ph₂té:r, Bruder, wie ich nun weiß, auf *bʰrá:tor- zurück. Gemäß den Akzentverhältnissen wurde der Frikativ im Falle des Vaterworts stimmhaft, und dann zu einem stimmlosen Plosiv t. Im Falle von Bruder war's umgekehrt: Der Akzent ging voran, der Frikativ blieb stimmlos und wurde zu einem stimmaften Plosiv d. Voilà.


Es gibt nicht eine Skylla, sondern deren zwei, die allerdings immer wieder miteinander in Verbindung gebracht werden. Die eine Skylla ist die Tochter der Nymphe Krataiis und wird vom Meeresgott Glaukos vergeblich umworben. Dieser wendet sich in seinem Liebeskummer an Circe, sie möge ihn von seiner Liebe heilen. Circe ist allerdings selbst in Glaukos verliebt und vergiftet aus Eifersucht der Skylla das Badewasser. Nach dem Bad wachsen der Kontrahentin aus dem Unterleib sechs Hundeköpfe und zwölf Hundefüße. Fortan lebt sie der Charybdis gegenüber auf einem Felsen in der Meerenge zwischen Italien und Sizilien und ernährt sich von unvorsichtigen Seefahrern (--> Odysseus). Die zweite Skylla ist die Tochter des Königs Nisos von Megara. Als diese Stadt von König Minos von Kreta belagert wird, verliebt sich Skylla in den feindlichen Anführer, verrät ihre Stadt und wird zum Dank dafür von Minos an ein Schiff gebunden und übers Meer geschleift. Anderen Quellen zufolge stürzt sich sich von einem Felsen. Jedenfalls wird sie in einen Vogel (oder Fisch) namens Kirris verwandelt. Ovid, Fasti IV 500, vermengt beide Skyllae, indem er von dem Meerungeheuer als den Nisei canes, also den Niseischen Hunden, spricht, als wäre Skylla-Tochter-des-Nisos in das nämliche Meerungeheuer verwandelt worden, zu dem Skylla-Opfer-der-Circe wurde. Solche Verweise auf Nisos im Kontext des Meerungeheuers findet man auch bei Homer.





Mittwoch, 9. Juni 2021

Gelesen: "Terrawattstunden Strom" Hier.


Entdeckt: Freistetters Formelwelt.


Und weiter im Lucan: (salix) caesoque inducta iuuenco "mit Rindshaut überzogen", das ist wieder so eine typisch Lucanische Synekdoche, deren Sinn nicht so einfach (und für mich oft gar nicht) zu entschlüsseln ist.

IV 103-202. Verbrüderung der gegnerischen Lager am Sicoris in Nordspanien. Man kennt sich, man grüßt einander über den niedrigen Wall hinweg, erst zaghaft, mit Winken und Zeichen, dann ruft Soldat den feindlichen Soldat beim Namen, endlich strömt man aus den Palisaden und umarmt einander. Opfert gemeinsam, erzählt sich Anekdoten und Geschichten aus Zeiten, da man noch gemeinsam unter einem Heerführer Dienst tat. Die Versöhnung, die Abwendung des Bürgerkriegs scheint greifbar -- aber man weiß ja bereits, wie es ausgeht. Das macht die ganze Szene tragisch, das Menschliche darin hilflos.

Vergleich zwischen der Sintflut bei Ovid und der Überschwemmung von Caesara Heerlager in Lucans Spanien. Letzterer gibt sich viele Mühe bei der Beschreibung des Wetters, der Wind-, Wärme- und Feuchtigkeitsverhältnisse, der Geographie, des Luftdrucks undsoweiter, was gewissermaßen an Ovids Herleitung (nasser Bart des Windgottes, Neptun, der die Winde einsperrt) erinnert, mit einem entscheidenden Unterschied: Lucan kommt ohne göttliche Intervention aus. (Ob aber der zeitgenössische Leser nicht Ovids Götter sozusagen mitgelesen hat -- und damit die Szene als Strafe für Caesars Frevel deuten konnte?) -- Das dachte ich mir gestern. Heute weitergelesen: Zwar kommen immer noch keine Götter als Handlungsfiguren vor; aber die Erzählerfigur wendet sich in einer kurzen Apostrophe an Neptun, indem er den Wasser- und Meergott anruft, das Unwetter doch nur weiter toben zu lassen, um "die erbarmungswürdigen Länder dem Bürgerkrieg zu entziehen", et miseras bellis ciuilibus eripe terras.


Praktisch, nicht nur für Lucan: Liste antiker Ortsnamen und geographischer Bezeichnungen






Dienstag, 8. Juni 2021

Lustiges Filmchen gesehen. Terraforming Venus für Anfänger. Nachdenklich macht die Schwärmerei über den neuen Planeten. Riesige Wälder, Tiere, von Leben wimmelnde Meere, unzählige neue Ökosysteme, heißt es da. Kein Wort davon, daß wir das alles bereits haben und gerade im Eiltempo kaputtmachen.


Wetterbericht bei Lucan: Pharsalia IV 49-82. Vergessen Sie Musil.


Endlich wieder in der Bibliothek, seit heute ist sie wieder geöffnet. Ausgeliehen: Allende Was wir Frauen wirklich wollen (Ich bin so gespannt.); Plastikfrei leben (für Dummies); Florian Freistetter, Hawking in der Nußschale.


Ein photosynthesetreibendes Tier.


Der Name des Flusses Ebro ist vielleicht baskischen Ursprungs.


Seltsam, seltsam. (NSFW)






Freitag, 15. Januar 2021

Die Wikipedia (jahrelang glaubte ich, der Name habe irgendwas mit Wikingern zu tun, vielleicht als Ausdruck von Freiheit und Subversivität) wird 20 Jahre alt. Was war den Nachrichten im WDR wert, darüber zu sagen? Das Datum des Onlinestellens; der Name des Gründers, der Ort der Gründung; und: was Kritiker ihr vorwerfen. -- Nicht daß man sich nicht bemühen würde; aber gibt es das überhaupt, etwas von Menschen Ausgedachtes und Gemachtes, an das keine Kritik mehr heranreicht? Und könnte man nicht zumindest den Vorschlag machen, angesichts eines Jubiläums und eines beispiellosen Erfolgs ein einziges Mal zu würdigen ohne zu kritisieren? Man hat das Macht's doch besser schon auf der Zunge. Es ist eine Entgegnung, von der es zu unrecht heißt, sie sei billig oder kindisch. Wer kritisiert, muß sich die Frage nach dem Gegenentwurf gefallen lassen. Das gilt insbesondere und überhaupt für ein Projekt wie die Wikipedia, das ausschließlich davon lebt, daß Kritik nicht nur geäußert, sondern gelebt wird, und zwar von jedem, der sich berufen fühlt. Dir gefällt ein Artikel nicht? Anmelden, besser schreiben. Du hast einen Fehler entdeckt? Anmelden, korrigieren. Dir fehlt ein Artikel zu einem wichtigen Stichwort? Anmelden, Artikel eintragen. Du findest Wikipedia nicht "transparent genug"? Dann melde dich an und mach sie transparenter, Herrgott! Du bist eine Frau und findest die Männer-Frauen-Ratio unter den Mitwirkenden der Wikipedia erbärmlich? Kommste selbst drauf, gell? Wer bei einem Mitmachprojekt nicht bereit ist, mitzumachen, kann sich jede Kritik daran sparen.





Dienstag, 12. Januar 2021

Das Jahr ist angesprungen, der Motor dröhnt, die Kolben stampfen. Los geht's, mit Volldampf in die Zukunft, die man lieber erst gar nicht kennenlernen mag. Gestern im Büro den Kalender weggeworfen. Das Blatt zeigte den 12.3.2020, ein Donnerstag. Letzter regulärer Arbeitstag. Damals war die Vokabel in Präsenz noch unbekannt, und daß ich weder am folgenden Montag, noch Dienstag, noch Mittwoch, daß ich die ganze Woche nicht und auch den ganzen Monat nicht mehr ins Büro gehen würde; daß ich erst am Ostersonntag eine kurze Stippvisite machen würde, bei der ich den Kalender (aus Trotz? Aus Sturheit? Jedenfalls aus dem zähneknirschenden Vorsatz heraus, es erst zu tun, wenn ich wieder einen normalen Bürotag hätte, der Frage ausweichend, wen ich denn bitte mit dieser Aktion zu strafen gedächte) auch nicht aufs aktuelle Datum brachte -- das war an diesem Donnerstag (jedenfalls für mich Vogel Strauß aus der subterranen Perspektive) nicht abzusehen, nicht einmal denkbar. Daß ich gar nicht mehr dazu kommen würde, weil die Zeit diesen Kalender verschlingen würde, und immer noch nichts ausgestanden wäre, das wäre allenfalls Stoff für Albträume gewesen. Und da sind wir nun. War es eine Vorahnung, die mich bei der Kalenderbestellung für 2021 den kleinen Wandkalender vergessen ließ? Was da jetzt über meinem Schreibtisch hängt, ist eine Jahresübersicht 2021, lauter unangebrochene Tage; aber kein Marker fürs aktuelle Datum, dessen Aktualisierung ich, als wollte ich die losstampfende Zeit auf Pause stellen, noch halsstarrig verweigern könnte.





Donnerstag, 7. Januar 2021

Vielleicht fällt es uns auch deshalb so schwer, mit dem Virus umzugehen, weil es unsere liebsten Erzählungen durchstreicht. Der Feuerwehrmann, der in ein brennendes Haus steigt, um Eingeschlossene zu retten; Sicherheitskräfte, die eine zu schützenden Person mit dem eigenen Körper decken; der mutige Ersthelfer, der ohne zu zögern ins eisige Wasser springt, um ein ertrinkendes Kind herauszuziehen; oder auch die Wildsau, die ihre Jungen tapfer vor dem Löwen, die Löwin, die die ihren vor den Jägern verteidigt -- das Motiv ist so alt wie die westliche Literatur, und nie sind diese Helden, in menschlicher oder tierischer Gestalt, bescheuerte Spinner, in diesen Erzählungen ist der Einsatz des eigenen Lebens zur Rettung anderer immer positiv bewertet -- selbst da noch, wo der Retter scheitert. Ein solches Heldentum ist individuell, es hat einen Namen und ein Gesicht in den Zeitungen.

Was war Heldenmut in Zeiten der Pestilenz? Er bestand in der aufopferungsvollen Pflege der Kranken und war, aus heutiger epidemiologischer Sicht und in Anbetracht der damaligen Unkenntnis des Ansteckungsweges, grundverkehrt. Die Pfleger pflegten und steckten sich pflegend selbst an -- um der Seuche daraufhin bei der Ausbreitung behilflich zu sein. Der pseudoheilige Rochus -- die Geschichte schweigt davon, wie viele weitere Menschen er mit seiner Pestbeule angesteckt haben mag.

Das Virus zwingt zur Feigheit. Wer feige ist, ist gut; wer sich selbst schützt, schützt andere. Feigheit ist die neue Leittugend, das neue Heldentum. Aber was für alberne Helden bringt es hervor? Todesverachtung heißt unter den Regeln, die das Virus aufstellt, Menschenverachtung, und wer mutig ist, rettet nicht, sondern gefährdet andere. Wir würden uns gerne mutig als Teil der Lösung verstehen, dabei müssen wir lernen, uns als Teil des Problems zu sehen. Das läuft konträr zu all unseren Lieblingserzählungen, ist langweilig und empörend, verspottet die Intuition und kehrt alle Werte, die wir rund um Gefahr und Gefährlichkeit errichtet haben, um. Wir sind keine Helden, wir sind selbst die Gefahr. Wir selbst sind das Böse, seine Träger, seine Knechte.

Unser gewöhnliches Vokabular in Antwort auf Gefahr ist: trotzen, bekämpfen, Widerstand leisten. Gerade hinstehen. Schultern breit. Dem Gegner ins Gesicht lachen. Zwar wird jedem Ersthelfer im Kurs der Leitsatz eingebleut, ein toter Helfer ist ein schlechter Helfer; aber die guten Geschichten gehen anders, da finden wir Absperren und Warndreiecke eher langweilig. In den Geschichten rennen wir einfach, unserem besten inneren Befehl folgend, ins brennende Haus, verachten wir den Tod und bleiben trotzdem am Leben. Das Virus aber verbietet uns nicht nur unsere besten Instinkte (bei Bedrohung zusammenzurücken und Trost in der Nähe zu suchen); es hat auch leider keine guten Geschichten für uns, keine Erzählungen, deren Helden wir gern selber wären.





Sonntag, 3. Januar 2021

Dieser Tage gehört:

„Wir werden das Virus nicht besiegen, wir werden mit dem Virus leben müssen.“

„Daß tausende Menschen ihre Existenzgrundlage verlieren, das ist ja wohl schlimmer, als wenn ein paar Rentner, die sowieso bald gestorben wären, jetzt eben ein paar Monate eher abtreten.“

„CoViD-19 ist gut für die Rentenkasse.“

„Ich laß mir doch vom Staat nicht vorschreiben, mit wie vielen Leuten ich mich treffe!“





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