Die schlaflosen Nächte, sie folgen mir, ich kann ihren wasserdunklen Stunden nicht entkommen, sie kennen die Wege, die Strecken im voraus, sie passen mich ab, sie warten an den Kreuzungen, sie hängen von den Bäumen herunter, hocken auf Zaunpfählen, tarnen sich als Rind, als Geiß, sie tauchen genau dann auf, wenn ich am wenigsten mit ihnen rechne. Was habe ich gedacht, bevor ich dachte? Ich kann nicht wollen, was ich denke, und nicht denken, was ich will. Ich denke, was ich denke. Nicht ich denke, die Gedanken denken sich selbst.

Alles kehrt zu mir zurück, jeder Weg, jeder Stein, jede vermoderte Pflaume. Wolkenlos, die Kreuzungen ein Spielzeug, nutzlos, das sich selbst spielt. Ich bin müde und kann nicht schlafen. Ich bin müde wie ein Kiefernzapfen, müde wie der Schatten unter der vertrockneten Kastanie, müde wie das Steinkreuz auf der anderen Seite des Forstes, erschöpft von Wegen, müde wie die Wege selbst. Aber schlafen kann ich nicht.

Ich bin mir selbst unbrauchbar. Ich laufe und laufe, aber ich komme nirgends hin. Und alles kehrt zu mir zurück, unverwandelt, so roh, wie als ich zum ersten Mal darauf traf.

Aus der Luft gegriffen: Immer mit leeren Händen nach Hause.





Wenn die Schulkinder zurück sind, wird das Obst reif sein.

Die Stadt wartet, während ihre Werke schon die Federn spannen. Du siehst es den Bäumen an: Die Anstrengung, mit der sie nach Licht bohren. Während ihr am Meer wart, hat die Dunkelheit die Pferde verstellt. Hinter den dämmrigen Schweifen her stolpert der Sommer.

Und noch dunkler jetzt, dunkler. Ein Grübeln von Dunkelheit, ein Tappen und Tasten von Nacht, schwerfällig, behäbig, dumpf. Man läuft nicht, man taucht. Man schwimmt gegen die Strömung von Hügeln. Ich schnappe an der Steigung nach Luft, überm Scheitel schwimmt der Mond. Wie still es ist über der Erde. Kieloben treiben die Pfützen im Pech. Die Luft ruht und ruht mit heufarbenen Stirnen. Fern, am Rand von Fieberschauern, treibt es die Laster voll sandiger Wut dahin. Bald wird man sie wieder deutlicher hören. Für jetzt schließen sich die Ohren des Raums zwischen den Sprüngen der Vögel.





Dunkel jetzt, vielleicht noch vier, fünf Tage bis zur Stirnlampe.

Wenn es so etwas wie eine lebendige Vergangenheit gibt, dann sind es wohl die Strecken durch den Wald. Das Erinnern kann so selbstversunken geschehen, daß der Zeitpunkt, von dem aus ich mich erinnere, verschwindet, und die Erinnerungen ihre zeitliche Tiefenstruktur verlieren, ihr Wann aufgeben. Der Wald kennt nur Orte und wiederkehrende Wechsel. Er hat keine Erinnerungen, außer denen, die man in ihrn hineinträgt.





Mutter und Kind sprechen italienisch miteinander. Der Junge, er mag vielleicht acht Jahre alt sein, setzt sich neben mich auf die Bank, die Mutter bleibt stehen. Der Junge hält etwas auf den Knien, ich schiele hinüber, es ist ein Buch. Und nicht irgendeines, nein, es ist eine Rarität innerhalb der Seltenheit eines lesenden, smartphonelosen Kindes, es ist eine Ausgabe von Die drei ??? und die flüsternde Mumie, das habe ich schon als Kind gelesen, und was der Junge da aufschlägt, ist nichts weniger als eine Antiquität, nämlich eine Ausgabe aus meiner eigenen Kinderzeit, DTV-Junior, mit dem weißen Umschlag und dem Bild auf dem Cover. Sie müssen es aus dem öffentlichen Bücherschrank hinter dem Bahnhof gezogen haben. Der Junge liest, ich schiele hinüber, Kapitel zwei, „Eine Mumie flüstert“. Ich erinnere mich in groben Zügen an die Handlung. Besonders einprägsam ist mir die Szene in Erinnerung, wo sich Justus Jonas als Professor Yarborough verkleidet der Mumie nähert, die daraufhin zu flüstern beginnt und damit zu erkennen gibt, daß auch 3000 Jahre alte Mumien sich von einer simplen Verkleidung täuschen lassen.
È bello, sagt der Junge zu seiner Mutter. Das ist Band drei. Die Mutter fragt etwas auf italienisch. Und das Gespensterschloß, antwortet das Kind, und das ist der Moment, wo ich überzeugt bin, in eine Hyperraum-Zeitschleife geraten zu sein.
Aber dann fährt ein Zug der Mittelrheinbahn ein, irgendwo hinter mir jodelt ein Mobiltelephon, die Bahnhofsdurchsage murmelt etwas von Verzögerungen im Betriebsablauf und links von mir hat jemand einen weißen Stecker wie eine Spielfigur im Ohr. Kurz vorm Einsteigen halte ich noch einmal Ausschau nach dem bibliophilen Jungen und seiner Mutter, aber ich kann sie im Gewühl nirgends mehr entdecken.





Daß es sehr dunkel ist, dunkler aus sonst, fällt mir zwar gleich auf, stelle auch fest, daß ich die Läden nicht tiefer als sonst heruntergelassen habe, aber ich begreife nicht, was los ist, denke, während ich schlaftrunken und einen bösen Traum abschüttelnd nach den Hausschuhen taste, daß es eben mitten in der Nacht ist und daher folgerichtig finster. Auch im Bad vermute ich nur, daß die Nachtleuchte wohl kaputt gegangen sein muß und stelle zuerst keine Verbindung zu der auffallend dichten Dunkelheit her. Erst als ich den Lichtschalter drücke und nichts passiert, begreife ich, daß der Strom weg ist. Der Wecker ist dunkel, der Router ein schwarzer Block, und es ist deshalb so dunkel, weil auch die Straßenlaternen nicht mehr leuchten. Also fische ich die seit April nicht mehr benutzte Stirnlampe von ihrem Haken und lege mir die Armbanduhr auf den Nachttisch, das Ziffernblatt zeigt halb zwei. Um fünf muß ich raus, hoffentlich werde ich rechtzeitig wach, entweder um fünf oder irgendwann vorher, wenn der Strom wieder da ist und ich den Wecker stellen kann.
Es ist höchst erstaunlich, mache ich mir in der nächsten schlaflosen Stunde klar, wie die Literatur unsere Wahrnehmung prägt. Oder käme mir ohne die Lektüre der Wand, der Arbeit der Nacht, insbesondere von Ende diese Finsternis auch so dicht, so unheilvoll, so sinister vor? Denn nicht nur ungewohnt dunkel ist es, es ist auch ungewohnt still, als wäre irgendeine Maschine, an deren leises Summen man sich so gewöhnt hat, daß man es nicht mehr wahrnimmt, im Stromausfall abgesoffen und hätte jetzt eine Stille hinterlassen, die ebenso fremd wie bedrohlich ist, unheilverkündend. Auch Autos hört man keine mehr, auch keinen Luftverkehr, auch keine Geräusche von Wohnungsnachbarn. Nicht nur der Strom, scheint es, ist ausgefallen, die Menschen sind es auch. Keine simple Panne hat sich ereignet, sondern eine stumme Katastrophe. Die Menschen sind tot oder verschwunden. Vielleicht wird es nie wieder hell. Vielleicht kommt der Strom vorerst nicht wieder, und in wenigen Stunden beginnen die Plünderungen der Supermärkte, weil die Registrierkassen nicht mehr funktionieren und die Märkte sich weigern, Lebensmittel herauszugeben.
Ob das Leitungswasser noch läuft? Ich denke an eine Szene in Cormac McCarthys The Road, und mich fröstelt.
Irgendwann höre ich, wie im Treppenhaus eine Tür aufgeht. Schritte schlurfen ein paar Treppen hoch oder runter, bleiben irgendwo stehen. Die Wohnungstür wird nicht wieder geschlossen, jedenfalls höre ich nichts. Immerhin bin ich nicht allein, aber ob das ein gutes Zeichen ist? Was mache ich, wenn der Strom am Morgen noch nicht wieder da ist? Haben die Bahn und die Straßenbahn eigentlich eigene Netze? Hat es überhaupt Sinn, zur Arbeit zu fahren? Wie lange komme ich schlimmstenfalls mit meinen Lebensmitteln aus? Wo gäbe es Wasser, das man unabgekocht trinken kann?
Über solchen Fragen bin ich am einschlummern, als mich das Dingdong der Telephonstation aufschreckt, und in diesem Moment gehen auch die Straßenlampen wieder an. Der Router flackert sich ins Leben zurück. Die Leuchtanzeige des Radioweckers blinkt. Der Kühlschrank beginnt zu summen, zum Glück habe ich vorhin an den nicht auch noch gedacht, sonst hätte ich mir noch mehr Sorgen gemacht. Es ist halb drei. Ich stelle die Uhrzeit neu und den Wecker und lege mich beruhigt hin.
Und seltsam: Als wäre die Maschine wieder angesprungen, beginnt die Nacht tatsächlich wieder zu arbeiten; die Flugzeuge brummen wieder über den Himmel, als hätten sie den Stromausfall regungslos und mit stummen Triebwerken schwebend in der Luft abgewartet. Ein Auto braust über die Durchfahrtsstraße hinter dem Block. Ein Güterzug rasselt in der Ferne vorüber. Die Nacht hat wieder Elektrizität, ihre Räder drehen sich, ihr Mahlwerk mahlt.





Fünf Uhr früh, im Fenster dümpelt ein krummer Mond, wie eine eingedrückte gelbe Pflaume. Schlaftrunkener Himmel, feuchtes Grau. Eine Stunde fehlt der Nacht. Die Lider sind schwer in der Wärme, sie schwimmen wie schmutzige Plastikplanen auf der Oberfläche des Wachseins, darunter wartet der Schlaf. Das Wasser kocht, das Radio zirpt, der Mond trieft von Dunst.


Kaffee, Nachrichten, eine Mail schreiben, rein in die Laufschuhe und los. Anders als die letzten Nächte hat es nicht abgekühlt, die Luft ist glatt und weich und ohne Konturen. Duftlos: Steingärten und Asphalt geben keinen Geruch von sich. Erst an den Wiesen am Villehang belebt sich die Luft, formt sich zu einem Körper, atmet auf mit Bäumen und Schatten und Spinnweben. Lungenflügel aus sattem Licht weiten sich über den Zäunen.


Überall jetzt die Übernachtungsplätze, die stummen Winkel, das Grün von Geheimnissen, wie Küsten leuchtet es schwach jenseits der schattenspendenden Kronen. Stehenbleiben in einem Gefunkel hunderter Mücken. Die Mücken saugen, und Wasser, lassen.


Man erkennt die Hochstände nicht mehr leicht im dichten Laub. Sie sind immer schon da, wenn man aufblickt, haben den Herankommenden immer zuerst gesehen. Vielleicht treffen sie sich nachts auf einer mondbeschienenen Wiese und tuscheln miteinander. Am Morgengrauen nehmen sie dann ihre Plätze wieder ein.


Aus gegebenem Anlaß denke ich über Impfungen und das Immunsystem nach. Später werde ich in der Straßenbahn am Oberarm einer Gegenübersitzenden genau so ein Pflästerchen entdecken, wie ich selber gestern trug. Vielleicht haben wir denselben Arbeitgeber. „Keine besondere Schonung erforderlich“, das gefällt mir.


Es mangelt nicht an Disziplin, es mangelt an einem Plan. Meine Disziplin arbeitet im Leerlauf.


Melone, Kartoffelchips, Tee und Schokolade zum Frühstück.





(Der aktuelle (17.6.2019) Zählerstand für Schwarzweißkopien auf unserem Dienstkopierer ist die Postleitzahl von Bad Laasphe.)