Dienstag, 4. Januar 2022

"Wozu hältst du hier das Schwert in der Hand, unter dem gewöhnlichen Soldatenhelm das Gesicht verborgen, unkenntlich dem Feind?" (VII 586--596)

Wie ist diese Stelle gemeint? Zunächst liegt es nahe, sie als Vorwurf an die Untätigkeit des Brutus zu lesen, der sich lieber unter dem Soldatenhelm versteckt, als den Versuch zu wagen, Caesar in der Schlacht (und nicht etwa heimtückisch im Senat, wie es später dann tatsächlich passiert) zu töten. Dann wäre die Aufforderung an Brutus, sich nicht allzu leichtfertig ins Getümmel zu stürzen, ironisch gemeint: "Sieh zu, daß du dich nicht überanstrengst, Brutus!" Andererseits paßt das nicht zur Aussage, Brutus werde hier nichts erreichen, wenn er Caesar an die Gurgel gehe, und er solle seinen eigenen Untergang (fatales Philippos) nicht überstürzen. Die Apostrophe ("was machst du hier, Brutus?"), die den Lauf der Ereignisse indirekt vorwegnimmt (nil proficis istic "du wirst hier nichts erreichen"), schafft eine paradoxe Erzählsituation, in der einerseits infolge der Präsenz der Situation, in der eine handelnde Person angesprochen wird, noch möglich scheint, was, wie wir ja wissen, unmöglich ist; andererseits aber durch den Inhalt der Anrede der aus Sicht der Leser bereits geschehene Lauf der Dinge als Vorhersage dem Angeredeten mitgeteilt wird. Als Eindruck bleibt zurück, daß alles auch ganz anders hätte kommen können. Oder doch nicht? So deutet die Passage vielleicht die Grundfrage an nach dem Schicksal (eins der häufigsten Wörter bei Lucan ist fatum) und seiner Abwendbar- oder Unentrinnbarkeit. Aus der Sicht Brutus' ist noch alles offen; aus der Sicht des Erzählers (und aus unserer, der Leser, Sicht) ist die Zukunft (Brutus' Zukunft zum Zeitpunkt der Schlacht) bereits geschlossen. Die Apostrophe stellt sich genau an den Punkt, wo die Angel sich dreht, ehe die Tür ins Schloß fällt.





Montag, 6. Dezember 2021

Die Schlacht (2)

Nach diesen geschichtsphilosophischen Überlegungen geht es dann endlich los. Die Schlacht beginnt mit einem Geschoßhagel, der den Himmel verdüstert: ... ferro subtexitur aether / noxque super campos telis conserta pependit "Vom Stahl wird der Himmel überzogen und dichte Nacht hing über dem Schlachtfeld" Dann läßt Pompeius seine Soldaten in enger Formation Schild an Schild (nexis umbonibus)vorrücken, was sich als nachteilig erweist, da sie zusammengepfercht in der Reihe keinen Bewegungsspielraum haben und "ihre eigenen Schwerter fürchten" (acies ...gladiosque suos conpressa timebat). Caesar greift in Keilformation an und bricht eine Bresche in die gegnerischen Reihen. "Die eine Seite handelt, die andere erleidet", bemerkt die Erzählstimme lapidar. Aktiv--passiv, offensiv-defensiv, die Rollen sind von Anfang an so verteilt, daß Caesar die Initiativen zufallen und Pompeius, dem großen Zögerer, der ja nur auf Drängen seiner Generäle sich der Schlacht gestellt hat, die Reaktion. Pompeius zieht seine Reiterei über die Reihen der Infanterie hinaus auseinander und schickt leichtbefaffnete Hilfstruppen in ungeordneter Aufstellung zu einer Attacke mit Pfeilen, Wurffackeln und Bleigeschossen gegen Caesars vorderste Reihe. Der fürchtet, daß der heftige Ansturm seine Reihen ins Schwanken bringen könnte, hält Kohorten "schräg hinter den Feldzeichen" (tenet obliquas post signa cohortes) zurück und schickt sie dem Feind in die berittene Flanke, wo eine Mêlée entstanden ist. Die Flügel läßt er (non motis cornibus) in ihrer ursprünglichen Position verharren. Dieses Manöver verwirrt die Pompeianische Reiterei; sobald das erste Pferd stürzt und seinen Reiter zu Tode trampelt, entsteht Panik, die Reiter wenden, fliehen und stürzen in ihre eigenen Reihen. perdidit inde modum caedes -- Daraufhin hat das Schlachten kein Maß mehr. Bislang haben Römer gegen ausländische Hilfstruppen gekämpft, nun aber, im Zentrum von Pompeius' Heer, stehen sich Geschwister, stehen sich Söhne und Väter als Feinde gegenüber, und hier "enthüllt sich die ganze Unmenschlichkeit Caesars", ist er es doch selbst, der seine Soldaten zum Morden anstachelt. Was genau dort geschieht, sähe der Dichter lieber in Dunkel gehüllt:
non illic regum auxiliis collecta iuuentus
bella gerit ferrumque manus mouere rogatae:
ille locus fratres habuit, locus ille parentis.
hic furor, hic rabies, hic sunt tua crimina, Caesar.
hanc fuge, mens, partem belli tenebrisque relinque,
nullaque tantorum discat me uate malorum,
quam multum bellis liceat ciuilibus, aetas.
a potius pereant lacrimae pereantque querellae:
quidquid in hac acie gessisti, Roma, tacebo.

"Hier führen nicht mehr die geliehende Mannschaften fremder Könige den Krieg mit Hilfstruppen, nicht mehr Hände, die man gedungen hatte, das Schwert zu nehmen: Auf diesem Kampfplatz standen sich Brüder, standen sich Eltern und Kinder gegenüber. Dieses Rasen, dieser Wahnsinn, das ist dein Verbrechen, Caesar. Verstand, mach einen Bogen um diesen Teil des Krieges und belaß ihn im Dunkel, kein späteres Zeitalter soll durch mich als Dichter solch großen Übels erfahren, was in Bruderkriegen alles geschehen kann. Ach, sollen doch die Tränen, sollen die Klagen vergeblich sein: Ich werde nicht erzählen, was du, Rom, in dieser Schlacht angerichtet hast."





Donnerstag, 2. Dezember 2021

Die Schlacht (1)

ergo utrimque pari procurrunt agmina motu "mit gleicher Geschwindigkeit rücken die Heere gegeneinander vor" heißt es noch, bevor Lucan die Erzählung für einen über siebzig Verse langen Exkurs unterbricht, in dem er über die Verluste und langfristigen Folgen des Bürgerkriegs räsonniert: Ausdünnung der Bevölkerung, Vernichtung ganzer Ethnien, demographischer und sozialer Wandel, Schwäschung der Kampfkraft Roms, Änderungen der politischen Landkarte der Welt. So viele Männer seien an einem einzigen Tag vernichtet worden, wie mehrere Brabreneinfälle, Hungersnöte, Seuchen zusammengenommen. Pharsalia, das ist die Katastrophe schlechthin, das unvergleichbare Unglück. quam magna cadas -- noch aus aus dem Krachen, mit dem Rom stürzt, ersieht man, wie groß war, was an diesem Tag zugrundegeht.

Verloren ist nicht nur, was war, sondern auch, was hätte sein können, wenn die an jenem Tag zur gegenseitigen Vernichtung aufgebotenen Kräfte andernorts für ein gemeinsames Projekt wären aufwendet worden: die römische Eroberung Indiens, Eingliederung Sarmatiens ins römische Provinzsystem, die Parther tributpflichtig -- alles nicht passiert; stattdessen ist die so heftig und so oft umkämpfte verfassungsrechtliche Freiheit der Römer "zu den Germanen über den Rhein geflohen, um nie wieder zurückzukehren". Die Taten eines Brutus, die Vertreibung der Tarquinier -- alles umsonst, da wär's besser gewesen, Rom hätte seine Freiheit nie kennengelernt. Denn, sagt Lucan, am schlimmsten leiden unter der Tyrannei die, denen es schwerfällt, Untertanen zu sein, wie es den Römern eben schon immer schwergefallen ist.

Wer könnte angesichts solcher Schicksalsironie noch an Götter glauben? Ist es plausibel anzunehmen, daß Jupiter Blitze gegen die Berge Thessaliens schleudert, während ein Mann wie Cassius Caesar beseitigen muß?





Montag, 29. November 2021

Weiter im Lucan: die Schlacht bei Pharsalos (0)

Jetzt sind wir schon bei der Schlacht von Pharsalos angekommen und befinden uns doch erst in Buch VII. Diese Schlacht gilt heutigen Historikern als der Wendepunkt im Bürgerkrieg, und auch Lucan bzw. seine Zeitgenossen müssen das so gesehen haben -- nicht umsonst kreist die ganze Erzählung ja um nichts anderes, scheint dramaturgisch darauf als auf einen Höhepunkt zuzulaufen. Der dann weder ein echter Höhepunkt noch ein Endpunkt ist, folgen doch noch ganze drei Bücher, rund 2400 Verse. Der ständige Vorgriff auf die Katastrophe sowie die genußvolle Blutrünstigkeit, mit der etwa das Seegefecht bei Massilia geschildert wird, wecken Erwartungen, die nicht erfüllt werden. Nicht einmal beschrieben wird die Schlacht bei Pharsalo ordentlich, als hätte Lukan sein Pulver schon bei Massilia verschossen. Ausgerechnet bei der titelgebenden Entscheidungsschlacht übt der Dichter eine ungewohnte Zurückhaltung. Aber vielleicht ist ja gerade hier Zurückhaltung besser, dramaturgisch effektiver? Denn bis zu diesem Punkt hat der Leser schon so viel von abgehackten Gliedmaßen, durchbohrten Eingeweiden, aufgeschlitzten, zertrümmerten, in Stücke gerissenen Körpern lesen müssen, daß eine weitere, der bedonderen Stellung der Schlacht bei Pharsalos entsprechende Steigerung gar nicht möglich wäre. Unter Anhäufung von mehr des Gleichen müßte der Effekt verpuffen. Über das Ohrenbetäubende hinaus hört man nichts mehr. Zum andern entsteht eine besondere Wirkung gerade dadurch, daß das Grauen aus vorhergegangenen Schilderungen beim Leser ja noch lebendig ist; hier kann es nachwirken. Statt also derartige Schilderungen noch einmal zu wiederholen, wird ein größerer Effekt dadurch erzielt, daß der Dichter sich darauf beschränkt, an die früheren Schilderungen zu erinnern, und so dafür sorgt, daß wir als Leser die Schreckensbilder bei uns selbst noch einmal aufrufen müssen. So begnügt sich Lucan mit Andeutungen:

inpendisse pudet lacrimas in funere mundi
mortibus innumeris, ac singula fata sequentem
quaerere letiferum per cuius uiscera uolnus
exierit, quis fusa solo uitalia calcet,
ore quis aduerso demissum faucibus ensem
expulerit moriens anima, quis corruat ictus,
quis steterit dum membra cadunt, qui pectore tela
transmittant aut quos campis adfixerit hasta,
quis cruor emissis perruperit aera uenis
inque hostis cadat arma sui, quis pectora fratris
caedat et, ut notum possit spoliare cadauer,
abscisum longe mittat caput, ora parentis
quis laceret nimiaque probet spectantibus ira
quem iugulat non esse patrem. mors nulla querella
digna sua est, nullosque hominum lugere uacamus.

"Wenn eine ganze Welt untergeht, schämt man sich, Tränen für die ungezählten Toten zu vergießen, dem Schicksal einzelner nachzugehen und zu fragen, durch wessen Leib die tödliche Wunde ging, wer auf die eigenen auf den Boden geglittenen Eingeweide trat, wer im Angesicht des Gegners mit seinem letzten Atemhauch das Schwert aus der eigenen Kehle heraustrieb, wer erschlagen zusammenbrach, wer stehenblieb, während seine Glieder zu Boden fielen, wen das Wurfgeschoß durchbohrte, wen der Speer an den Grund nagelte, wessen Blut aus zerfetzten Adern durch die Luft schoß und auf der Rüstung des Gegners landete, wer auf die Brust seines Bruders einhieb, und, damit er den Leichnam plündern könne, den abgetrennten Kopf weit fort schleuderte, wer das Gesicht seines Vaters zur Unkenntlichkeit verwüstete, um mit dem übertriebenen Zorn den Umstehenden zu beweisen, dies sei nicht sein Vater, den er erschlagen. Kein Tod ist hier seiner Klage würdig, und keinen zu betrauern habe ich Zeit."

(Interessant, daß die Erzählstimme selbst zu begründen zu sollen glaubt, warum sie keine einzelnen Kämpfe schildert. Interessant auch, daß der Abschnitt die Form einer Einleitung hat, die einer detaillierteren Schilderung einzelner Kampf- und Sterbeszenen voraufgehen könnte. Seit den Tagen Homers war es üblich, vor einer solchen Schilderung nochmal tief Luft zu holen und die Muse anzurufen. So könnte denn auch die Folge indirekter Fragesätze dieses Abschnitts eingeleitet werden mit "Muse, sag mir, ..." -- Nur daß Lucan es bei den Andeutungen beläßt. Natürlich sind diese Dinge passiert; jemand hat das Gesicht seines Vaters unkenntlich gemacht, jemand trampelte auf seinen eigenen Eingeweiden herum. aber es wird nicht erzählt, es wird in der indirekten Frage vorausgesetzt.)





Mittwoch, 17. November 2021

Weiter im Lucan: Caesars Rede

in manibus uestris, quantus sit Caesar, habetis.

"Ihr habt es in der Hand, wie groß Caesar sein wird."

Dieser Satz aus der Rede Caesars vor seinen Soldaten ist das Gegenstück zu dem des Pompeius: "Laßt nicht zu, daß ich auf meine alten Tage das Dienen lernen muß." Wer so auftritt, hat eine bestimmte Überzeugung von sich selbst ebenso wie von seinen Soldaten. Alles, was Pompeius zu bieten hat, ist die Bewahrung des Alten und Althergebrachten, der gesetzlichen Ordnung in Gestalt der tradierten römischen Republik. Pompeius' Ziel, das Ziel, das er auch seinen Leuten verkaufen muß, ist die Abwendung von Schaden und die Vermeidung von Veränderung. Dieses negative Ziel ist positiv allenfalls durch den Begriff der "Rettung" formulierbar. Es zu erreichen, bedeutet keinen Fortschritt sondern die Wiederherstellung eines durch Gewalt in Gefahr geratenen und auch bereits beschädigten Zustands, seine Reparatur. Die Motivation ist also rückwärtsgerichtet. Pompeius kann nur das alte eiernde, klapprige Fahrrad versprechen, repariert zwar, doch so klapprig und eiernd wie eh und je. Und Caesar? Der Zerstörer der Republik verspricht ein ganz neues Fahrrad. "Wie groß wollt ihr mich haben?" fragt er seine Soldaten. Wie schnell soll das neue Fahrrad sein, auf dem wir alle fahren werden? Von dieser Größe hängt ab, was sie selbst sein werden.

haec, fato quae teste probet, quis iustius arma
sumpserit; haec acies uictum factura nocentem est.
(VII 259f)

Pompeius sagt: Unsere Sache ist die gerechte. Caesar erwidert: der Sieg wird beweisen, wer die gerechte Sache vertritt. ("Möge der Gerechte gewinnen.") Das Verbrechen wird am Besiegten kleben bleiben. Im Krieg bleibt keine Hand sauber, sagt Caesar, also tilgt die Schuld mit dem Eisen, indem ihr siegt. Auch der Verweis auf die eigene militärische Stärke fehlt in Caesars Rede nicht. Was Pompeius als Aufgebot der ganzen Welt bezeichnet, wird bei Caesar zu einem Haufen Schuljungen, die kaum Waffen tragen können, zu zusammengewürfelten Horden von Barbaren, die der eigene Kampflärm erschreckt. Barbaren, zumal, denen es egal ist, wer in Rom regiert, gedungene Völker, die keine starke Motivation zum Kämpfen haben. Und dann führt Caesar etwas an, das Pompeius abgeht: Seine Nähe zu den Soldaten. Glaubt ihr, ich weiß nicht, wer von euch welches Schwert führt? Glaubt ihr, ich kann nicht am Lanzenwurf erkennen, wer von euch der Schütze war? -- Eine solche Bindung des Heerführers an seine Soldaten, der Soldaten an den Heerführer, hat Pompeius nicht zu bieten.





Mittwoch, 10. November 2021

Rede des Pompeius vor dem Heer

Die Rede des Pompeius vor seinen Soldaten ist eine seltsame Mischung aus wishful thinking und weinerlichen Appellen: "Meine lieben Freunde, laßt nicht zu, daß der arme Magnus auf seine alten Tage noch das Dienen lernen muß", doch die maesta vox tut ihre Wirkung, und es hebt sich der Mut der Soldaten, erigitur virtus Romana.

causa iubet melior superos sperare secundos

"Die bessere Sache befiehlt uns zu hoffen, daß die Götter uns gewogen sind."

Das ist der Grund, an den Sieg zu glauben -- daß man die bessere Sache vertritt. (Die Götter können doch nicht zulassen, daß ...) Doch, können sie. Wohl ist Pompeius (und mit ihm die Erzählstimme) überzeugt, daß seine die gerechte Sache ist, doch an den Sieg, weiß der Leser längst, glaubt er selbst nicht mehr. Aber das kann er seinen Soldaten schlecht sagen, außerdem haben die ihn ja selbst zur Schlacht gedrängt. Also sagt er, was er sagen zu dürfen glaubt:

ipsi tela regent per uiscera Caesaris, ipsi

"Sie (die Götter) werden eigenhändig die Geschosse durch Caesars Eingeweide lenken."

Die Götter wollen das Römische Gesetz mit dem Blut Caesars heiligen; wenn sie planen würden, Caesar die Herrschaft zu schenken, hätten sie Pompeius schon längst aus dem Weg geräumt; es wäre untypisch für erzürnte Götter, Pompeius den Völkern und der Stadt Rom so lange zu erhalten, um ihn jetzt zu vernichten. Das sind die metaphysischen Gründe für Siegesgewißheit. Bodenständiger ist da Pompeius' Verweis darauf, man habe schließlich alles, was zum Sieg erforderlich sei, zusammengekratzt. Pompeius vergleicht die Situation mit früheren Auseinandersetzungen: "Die Curier, Camillus, die Decier, hier stünden sie an unserer Seite, wenn das Schicksal sie unserer Zeit zurückbrächte." Er zählt auf: unzählige Städte, so viele wie in keinem anderen Krieg, so viele Männer wie unterm Himmel von Nord nach Süd sind, stehen bereit; die ganze Welt haben sie aufgeboten: Caesar kommt dagegen nicht an. Dann eine Beschwörung: Stellt euch vor, eure Mütter würden von den Zinnen Roms aus zuschauen; stellt euch vor, die greisen Senatoren würden sich euch zu Füßen werfen, ganz Rom würde erscheinen, eine ganze Stadt, die den Tyrannen fürchtet. Was wird Pompeius sein, wenn sie nicht siegen? Ein Exilant, der Spott seines Schwiegervaters, eine Schande für sie, die ihm in diesem Moment zuhören, die Soldaten, "das wollt ihr doch nicht, oder?" Unsere Sache ist die gerechte, wir sind zahlenmäßig überlegen, ihr wollt eurem Pompeius doch keine Schande machen -- überzeugend ist das nicht gerade; doch die Soldaten, behauptet der Erzähler, lassen sich davon tatsächlich den Mut aufrichten.

Vocabularium

529 in caput "kopfüber"
547 fortuna haesit "blieb stecken", "wurde aufgehalten"
555 pereant lacrimae "sollen vergeblich sein"

Neues vom Konjunktiv

352f:

si socero dare regna meo mundumque pararent,
praecipitare meam fatis potuere senectam:

"Wenn die Götter vorhätten, meinem Schwiegervater (=Caesar) Welt und Herrschaft zu geben, dann hätten sie mein Alter durch den Tod verkürzen können." (d.h. Sie hätte mich nicht am Leben gelassen, nur um mich jetzt untergehen zu lassen.)

Konjunktiv im si-Satz, Indikativ Perfekt des Modalverbs im Hauptsatz.





Dienstag, 9. November 2021

Weiter im Lucan

Gliederung bis V 491

  • 214--234 Pompeius' Schlachtaufstellung
  • 235--336 Rede Caesars vor der Schlacht
  • 337--384 Rede Pompeius' vor der Schlacht
  • 385--460 Bedeutung der Niederlage bei Pharsalos für Rom und die Welt
  • 461--491 Beginn der Schlacht

Ja, es ist soweit. Nachdem die aufeinander zumarschierenden Heere den letzten Raum, der das Gefecht noch aufhält, überwunden haben (suprema morantem / consumpsere locum), man könnte hinzufügen: und Lucan die letzten noch verzögernden Verse hinter sich hat, beginnt die Entscheidungsschlacht, deren Ort, Pharsalos, dem ganzen Epos -- Pharsalia -- den Namen gibt. Olymp, Haemus, Pelion, Pindus, die Schluchten des Oetagebirges ächzen und "fürchten sich vor ihrer eigenen Stimme, mit der sie den Krach zurückwerfen": Indem ganz Thessalien vom Schlachtenlärm widerhallt, nimmt sogar die unbelebte Natur Anteil an dem Konflikt. Die Sphäre, die noch von den Wirkungen der Ereignisse erfaßt wird, wächst. Die Berge und Schluchten, die Landschaft, das Unbelebte wird belebt; das Belebte, die Schlacht selbst, wird zum Naturereignis:

... tum stridulus aer
elisus lituis conceptaque classica cornu,
tunc ausae dare signa tubae, tunc aethera tendit
extremique fragor conuexa inrumpit Olympi,
unde procul nubes, quo nulla tonitrua durant.
excepit resonis clamorem uallibus Haemus
Peliacisque dedit rursus geminare cauernis,
Pindus agit fremitus Pangaeaque saxa resultant
Oetaeaeque gemunt rupes, uocesque furoris
expauere sui tota tellure relatas.

"... dann stoßen die Trompeten kreischend Luft aus, die Hörner nehmen das Signal auf, dann trauen sich die Posaunen, das Zeichen zu geben, der Krach spannt die Lüfte und brandet an die Hänge des fernen Olymps, wo die Wolken fern sind, die kein Donner erreicht. Das Haemusgebirge nimmt das Geschrei in seinen widerhallenden Tälern auf und gibt es an die Schluchten des Pelion weiter, der es verdoppelt, der Pindus braust vom Getöse, von den Felsen des Pangäon hallt es wider, die Wände des Oetes ächzen und fürchten sich vor den Stimmen ihres eigenen Lärms, die über das ganze Gebiet getragen werden."

Was vielleicht noch in letzter Minute die Feldherren verhindern könnten, wird durch den Speerwurf eines einzelnen Soldaten -- und des einzigen, der abgesehen von den Anführern namentlich genannt wird -- ausgelöst. Crastinus wirft einen Speer, und dann geht es los. Es ist ein großes Heranzoomen, vom Marsch Caesars auf Rom, der Räumung der Stadt durch Pompeius, Gefechte im Westen, Caesars Zug nach Thessalien, dann endlich Feindkontakt (Aristie des Scaeva), dann doch wieder nicht. Endlich wird Pompeius beschwatzt, loszulegen, das Heer rüstet sich. Erst müssen aber noch Reden gehalten, die Soldaten auf die bevorstehende Prüfung eingeschworen werden. Pompeius' Schlachtaufstellung muß beschrieben werden. Lauter langatmige Dinge, bis es nur noch ein paar Schritte Bodens sind, der die Heere trennt, und am Ende dieser großen, anderthalb Jahre bzw sieben Bücher Versepos dauernden Entwicklung ist es schließlich das ganz Kleine, das Detail, eine einzelne Lanze, ein einzelner Soldat, der die Schlacht eröffnet (ein kleiner Wurf für Crastinus, ein großer Schaden für die Menschheit). Das Große und Zusammengefaßte zerfällt unter der Lupe des Erzählens in einen Speerwurf, gesichtslose Schlachtreihen bekommen einen Namen, und nur einen, der Rest kämpft und quält sich und stirbt anonym in der zusammenfassenden Syntax indirekter Fragesätze. (617--630)

Das große Ganze

Wir sind, in kosmischen Maßstäben gerechnet, als Menschheit gerade rechtzeitig zur Welt gekommen, um noch einige interessante Dinge in Erfahrung bringen zu können. Irgendwann nämlich werden außer unserer unmittelbaren Nachbarschaft, dem, was dann eine Supergalaxie als Verschmelzungsprodukt von Milchstraße und Andromedagalaxie (der sogenannte Milchdromedagalaxie) sein wird, alle anderen Galaxien sich so schnell von uns entfernen, daß ihr Licht uns nicht mehr erreichen kann: Sie werden für immer aus dem beobachtbaren Universum verschwunden sein. Zivilisationen, die dann geboren werden, werden keinerlei Möglichkeit mehr haben, auf so etwas wie den Urknall zu kommen; sie werden ihre Heimatgalaxie für alles halten müssen, was es gibt; sie werden annehmen müssen, daß das Universum statisch ist und ewig. Noch einen Schritt weitergedacht stellt sich die Frage, was uns auf unserer Position auf dem Zeitstrahl der Entwicklung des Universums schon entgangen ist. Es könnten ja Indizien auf eine ganz andere als die bislang vermutete Natur des Kosmos und seiner Entstehung bereits hinter den Horizont des Sichtbaren geglitten sein, die wir noch hätten beobachten können, wenn wir ein paar Milliarden Jahre früher dran gewesen wären. Wir werden es niemals erfahren.





Mittwoch, 27. Oktober 2021

Weiter im Lucan: Verse 1--200

Die ersten zweihundert Verse von Buch sieben gliedern sich wie folgt:

  • 1--44: Pompeius' Traum
  • 45--87: Unruhe im Lager; Rede des Cicero
  • 87--123: Rede des Pompeius.
  • 124--150: Kampfvorbereitungen
  • 151--200: Vorzeichen

Vocabularium

Wieder was gelernt: sulpur (oder sulfur oder sulphur, "Schwefel") kann auch "Blitz" heißen (v. Lewis & Short s.v. sulfur):

aetherioque nocens fumauit sulpure ferrum;

"Und vom Schwefel des Himmels raucht die schädliche Klinge;"

Mehr Konjunktiv

Auf diesen Seiten ist ja schon mehrfach vom Modus und vom Indikativ bei Modalverben die Rede gewesen. VII 202--204 zeigt eine weitere Bestätigung für meine Vermutung, daß Modalverben in einem Vergangenheitstempus auch ohne Konjunktiv als Irrealis gelesen werden können (potuit "hätte können", opportebat "hätte sollen" etc.) Im folgenden Vers wechselt ein Konjunktiv im Hauptverb in der Protasis mit einem Modalverb im Indikativ in der Apodosis als irreales Bedingungsgefüge ab:

... si cuncta perito
augure mens hominum caeli noua signa notasset,
spectari toto potuit Pharsalia mundo.

"Wenn der menschliche Geist mittels eines erfahrenen Augurs alle neuartigen Himmelszeichen zur Kenntnis genommen hätte, dann hätte man auf der ganzen Welt die Schlacht von Pharsalos mitverfolgen können."

(Sozusagen live und in HD.)

Vorzeichen

Das erste Viertel des siebten Buchs wird dominiert vom Thema der Vorzeichen. Erst träumt Pompeius seinen schwer deutbaren Traum, der aber dem Leser vor dem Hintergrund der Erkundigungen des Sextus Pompeius bei Erichtho einen Vorsprung gegenüber Pompeius eigenem Informationsstand verschafft.

Die Aussage ist: alles lag offen da, man hätte es nur lesen müssen; die Menschen haben die Augen vor der im Zeichen sichtbaren Wahrheit verschlossen, wollten nicht sehen, was es zu sehen gab; oder sie haben wider besseres Wissen gehandelt.

Verschiedenes

VII 260:

... haec acies uictum factura nocentem est.

"Diese Schlachtreihe wird den Besiegten zum Verbrecher machen."

Gegenstück zu Pompeius Diktum (122f), alles Übel befalle den Besiegten, alles Verbrechen bleibe am Sieger hängen:

omne malum uicti, quod sors feret ultima rerum,
omne nefas uictoris erit.

Das kann man im Kern als den wesentlichen Unterschied zwischen Pompeius und Caesar auffassen: Pompeius, der Pessimist, der Zögerer, der Skrupulöse und Gehemmte, der mit dem schlechten Gewissen. Und auf der anderen Seite der gewissenlose Caesar, der Optimist, der Macher, der Draufgänger. "Es wird keinen Sieger geben", sagt der erste. "Das Recht ist mit dem Stärkeren", sagt sein Gegener.

Ein weiteres Beispiel für die sprachlichen Schwierigkeiten, die Lucan bietet, ist VII 274ff:

... ciuilia paucae
bella manus facient: pugnae pars magna leuabit
his orbem populis Romanumque obteret hostem.

"Wenige Hände werden den Krieg zu einem Bürgerkrieg machen: ein großer Teil des Kampfes wird den Erdkreis um diese [i. e. vorerwähnte Barbaren und Griechen] Völker erleichtern und die Feinde Roms aufreiben."

Was soll das heißen, wenige Hände machen den Krieg zu einem Bürgerkrieg? Die Übersetzungen deuten die Stelle in dem Sinn, daß es in der bevorstehenden Schlacht nicht oft dazu kommen wird, daß Römer Römer töten, weil Pompeius' Heer zum großen Teil aus nichtrömischen Söldnern besteht. Da kann man sein Latein noch so gut gelernt haben, um solche Stellen inhaltlich plausibel zu deuten, bedarf es mehr als nur Kenntnisse in lateinischer Syntax. Mindestens ungewohnt ist auch die Formulierung für "Feinde Roms", Romanus hostis, eigentlich "römischer Feind". Das lateinische kennt keinen Unterschied zwischen "Liebe der Mutter" und "Liebe zur Mutter", beides wird durch den Ausdruck amor matris abgedeckt. Statt amor matris könnte man jetzt auch amor maternus, "mütterliche Liebe", einsetzen. Auf den vorliegenden Vers übertragen, läßt sich hostis Romanus natürlich rückübersetzen in hostis Romanorum, was tatsächlich sowohl "Feind der Römer" als auch "römischer Feind (i. e. Feinde unter den Römern)" bedeuten kann. Die adjektivische Bildung jedoch in gleicher Weise wie die Fügung mit Genitiv als Obiectivus zu meinen, dehnt, finde ich, die lateinische Syntax erheblich. Lucan tut es aber, wenn er "römischer Feind" sagt und "Feind Roms" meint.





Dienstag, 19. Oktober 2021

Pompeius gibt dem Drängen seiner ungeduldigen Soldaten, dem Drängen der Verbündeten nach, obwohl er weiß, daß es ein Fehler ist, die Schlacht zu suchen. Man bekommt den Eindruck, der Mann ist müde, er will es hinter sich haben. Er glaubt nicht mehr an einen Sieg, gleich ob er jetzt in die Schlacht geht oder die Auseinandersetzung weiter aufschiebt. Einmal muß es ja doch sein, also warum nicht jetzt. Das ganze noch vor dem Hintergrund des Traumes, der, wiewohl dem Träumenden einen Triumph vorspielend, eine melancholische Wirkung gehabt haben dürfte. Oder die Mutmaßungen der Erzählstimme über den Traum werden von Pompeius geteilt: der Traum ist ein schlechtes Zeichen, er zeigt, was nicht mehr ist, es ist sozusagen ein ironischer Traum.

Schließlich ergreift noch Cicero (der Anwalt, ehemalige Consul und Senator hat zusammen mit Pompeius Italien verlassen, als Caesar auf Rom marschierte) das Wort und versucht Pompeius in einer flammenden Rede anzustacheln. Doch außer Redetricks hat er nicht viel zu sagen. Seine Argumente für eine Schlacht sind: Pompeius ist vom Glück begünstigt; der Zustand, in den Caesar die Welt gestürzt hat, ist unhaltbar, muß beendet werden; die von Caesar bislang unterworfenen Völker wollen befreit sein. Das ist alles. Was will man auch von einem Anwalt und Politiker erwarten? Strategische Überlegungen gewiß nicht. Nicht nur hat Cicero keine sachlichen Argumente, er greift auch noch zu üblen rhetorischen Kniffen. Hier ist der erste (71):

... adfusi uinci socerum patiare rogamus.

"Dir zu Füßen bitten wir dich: Laß zu, daß dein Schwiegervater (= Caesar, dessen Tochter Iulia war bis ihrem Tod 54 v. Chr. Pompeius Ehefrau) besiegt wird."

Die Präsupposition der Formulierung ist: Der Sieg liegt in deiner Hand, du mußt ihn nur zulassen. Ein Wink von dir, und Caesar ist nicht mehr.

humani generis tam longo tempore bellum
Caesar erit? merito Pompeium uincere lente
gentibus indignum est a transcurrente subactis.

"So lange Zeit wird Caesar Krieg für das Menschengeschlecht bedeuten? Zu Recht sind die Völker, die quasi im Vorbeigehen unterworfen worden sind, empört darüber, daß Pompeius so langsam siegt."

Auf gut Deutsch: daß Du, Pompeius, so ein Lahmarsch bist, während Caesar all die Völker en passant erledigt hat. Das ist kein Argument, das ist ein Appell ans Ehrgefühl. Kann man machen, fein ist das nicht. In dieselbe Kerbe schlägt der nächste Vers:

quo tibi feruor abit aut quo fiducia fati?

"Wo ist dein Biß geblieben, wo dein Vertrauen ins Schicksal?"

Früher warst du nicht so ein Schlappschwanz.

Der nächste Trick: Rechtmäßigkeit und Durchsetzungskraft miteinander verwechseln. Cicero tut so, als genüge es, die rechte Sache zu vertreten (also die Sache des Senats von Rom), denn die Götter können ja wohl nicht zulassen, daß die gerechte Seite unterliegt. (Können sie aber eben doch.)

Zu guter Letzt noch ein suggestives Bild: Pompeius solle aufpassen, daß die Soldaten nicht ohne ihn in die Schlacht zögen und ihn allein zurückließen. pudeat vicisse coactum "es ist schmachvoll, zum Siegen gezwungen zu werden." In diesem grotesken Bild steht Pompeius noch unter dem allerletzte Gefreiten. Das Heer nimmt die Sache in die Hand, die Soldaten, allesamt mutiger als Pompeius, siegen ohne ihren Feldherrn. Ja, ist denn das noch Pompeius' Sieg? Man muß nicht glauben, daß Pompeius solche Tricks nicht durchschaut. So zwingend das Bild des Heeres, das seinem Feldherrn vorausläuft, auch ist, so unwahrscheinlich und hergeholt ist es auch. Damit kann man vielleicht ein Schwurgericht überreden, keinesfalls aber einen Gnaeus Pompeius. Wenn Pompeius sich schließlich zum Gefecht durchringt, so ist das gewiß nicht die Leistung von Cicero und seiner Demagogie.





Montag, 18. Oktober 2021

Mehr Lucan (Anfang Buch VII)

Segnior, quam lex aeterna vocabat. Ein schlechtes Zeichen: Die Sonne sträubt sich, über dem Ort des Geschehens (des vergangenen wie des zukünftigen) aufzugehen. Oder sind es noch die Nachwirkungen des Zauberbanns der Hexe? Lux rapta, das geraubte Licht, klingt noch nach dem zurückgehaltenen Tag im Ausklang des VI. Buchs. Doch es hat den Anschein, die Sonne habe auch selbst die Absicht, es über Thessalien nicht allzu hell werden zu lassen, wenn es nämlich heißt: ne Thessalico purus luceret in orbe "damit er (Phoebus oder Titan, die Sonne) nicht rein [von Wolken ungetrübt] über dem thessalischen Erdkreis leuchte."

An diesem Morgen, dem letzten des "glücklichen Abschnitts seines Lebens", hat Pompeius einen Traum. Darin sieht er sich selbst in Rom im Theater sitzen und die Zuschauermenge ihm applaudieren und zujubeln. Sei es, kommentiert die Erzählstimme, daß sein Geist am Ende der guten Zeiten, beunruhigt von den Sorgen um das Bevorstehende, ihm noch einmal vergangene Momente des Glücks und Triumphs vorspielt; sei es, daß die momentane Ruhe ihm auf dem Umweg über das Gegenteil dessen, was eintreten wird, den künftigen Jammer prophezeit; oder sei es, daß das Schicksal ihm ("dir", die Erzählstimme schwenkt hier in eine Apostrophe um) noch einmal im Traumgesicht das in der Wirklichkeit für immer versagte Rom schenkt.

Natürlich "weiß" die Erzählstimme schon, wie die Geschichte ausgeht; aber zum einen haben wir es hier mit einem Epos zu tun, und auch wenn dieses keinen mythologischen Stoff behandelt, so zum andern doch einen Stoff, der den Lesern oder Zuhörern bekannt ist. Schließlich geht es beim Epos um das Wie des Erzählens, nicht um das Was. Der Epiker kann vielleicht Handlungsmotive variieren, Charaktere umzeichnen, Handlungen neu bewerten. Keinesfalls kann er die Handlung verändern, etwa Hektor im Kampf gegen Achill siegen, die Trojaner Helena dem Menelaos zurückgeben oder Odysseus als ersten vom Kyklopen gefressen werden und einen der Gefährten Penelope am Ende ehelichen lassen. Wenn Lucan für sein Epos einen historischen Stoff wählt, erhebt er ihn sozusagen zum Mythos. Er könnte Pompeius als Erzgauner, Caesar als Lichtgestalt darstellen (macht er nicht), er könnte Caesar als ein von Zweifeln zerfressenen Schwächling darstellen, der nur mit Hilfe von Marcus Antonius erfolgreich war, oder er könnte aus Pompeius ein Großmaul und einen Angsthasen machen -- was er nicht kann: Pompeius bei Pharsalos siegen lassen. Das wäre zwar interessant für uns zu lesen, gerade auch im Hinblick auf die Frage, wie die Zeitgenossen Lucans über alternative Ausgänge der geschichtlichen Ereignisse ihrer eigenen Zeit spekulierten, und damit auch, wie sie die Möglichkeiten und Zwänge, die treibenden und hemmenden Kräfte ihres Äons beurteilten: Was sie für möglich, wahrscheinlich, unmöglich hielten. Und was sie hofften oder träumten. Nur leider haben wir so ein Werk nicht, denn die alternative history war noch nicht erfunden. Vielleicht war sie es auch, und es ist nur keins dieser Werke auf uns gekommen. Schade.

Jedenfalls: Lucan oder die Erzählstimme weiß, was kommt, und sie macht keinen Hehl daraus, daß es für Pompeius nicht gut ausgehen wird. Und da wir gerade von Alternativen gesprochen haben: Für die Erzählstimme scheint klar, daß Pompeius, wenn er jetzt die Schlacht sucht, einen Fehler macht. Daß die Katastrophe von Pharsalos also nicht unvermeidbar war. Verse wie diese machen das deutlich (VII 58f)

hoc placet, o superi, cum uobis uertere cuncta
propositum, nostris erroribus addere crimen?

"Habt ihr also, ihr Götter, da ihr nunmal den Vorsatz faßtet, kein Stein auf dem anderen zu lassen, unseren Irrtümern auch noch Verfehlungen hinzufügen wollen?"

Oder hier, als Cicero (ja genau, der) dem Pompeius wegen dessen Unentschlossenheit die Leviten liest und "seine Beredsamkeit der schwachen Sache Stärke verleiht" (VII 67):

addidit inualidae robur facundia causae.

Und hier (45--50):

uicerat astra iubar, cum mixto murmure turba
castrorum fremuit fatisque trahentibus orbem
signa petit pugnae. miseri pars maxima uolgi
non totum uisura diem tentoria circum
ipsa ducis queritur magnoque accensa tumultu
mortis uicinae properantis admouet horas.

"Die Sonne hatte die Sterne überwunden, da begann die Menge im Lager, durcheinander zu rufen und zu schimpfen und verlangt nach dem Signal zur Schlacht. Das Fatum reißt den Erdkreis mit sich; und der größte Teil des erbarmungswürdigen Fußvolks, der das Ende dieses Tages nicht erleben wird, beklagt sich rings um die Zelte, und indem sich der Eifer der Menge hochschaukelt, beschleunigt sie noch die heraneilende Stunde des unmittelbar bevorstehenden Todes."





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