Samstag, 15. August 2020

"Daß aber Männer einem Traum nachhängen und traurig sein dürfen über den Wahnsinn und die Unvollkommenheit der Welt."
Dieser Satz, herausgeschrieben aus einer Erzählung der Kaschnitz, hing einst an der Pinwand eines Sechzehnjährigen. Heute könnte er immer noch an der Pinwand des nunmehr Fünfzigjährigen hängen.





Dienstag, 4. August 2020

(Meine unmaßgebliche Ansicht: Irgendwo zwischen 1990 und heute ist die Menschheit falsch abgebogen. Und da sind wir nun. Auf dieser absurden Nebenstraße. Eine Geisterbahn. Man möchte nach dem Sicherungskasten greifen und dem Ding den Saft abdrehen, aussteigen, aufatmen und ans Licht zurückklettern.

Und dann die Ärmel hochkrempeln und die Welt gestalten.

So.)





Mittwoch, 15. Juli 2020

Kaum angekommen im Haus der Eltern, sehe ich überall nur Abschiede. Noch einmal in den Wald und fühlen: bald verstummen wieder die Vögel, und die Hallen weiten sich verlassen und wie ausgefegt. Staubige Wege saugen durstig am Schatten der Buchen. Auf einen Weg getroffen, den ich zuletzt vor vielen Jahren in umgekehrter Richtung hinaufgelaufen bin, dort abbiegen, wo ich oft abgebogen bin, aber in den letzten Jahren nie mehr. Auch hier, in diesem Gastwald, haben sich schon Vergangenheiten angesammelt, so viele, daß es wieder ein Abschied ist, jedes Mal, wenn ich mich hier bewege: Das eigentliche ist bereits vorbei, die Hoch- und Blütezeit, man blickt zurück, und weil es schon so viel gibt, auf das man zurückblicken kann, bewegt man sich nur noch in einem Nachhall der großen Musik, die längst verstummt ist.





Dienstag, 14. Juli 2020

Es fehlten nur noch Algen auf den Kacheln und Laub auf der fahlen Wasseroberfläche. Heruntergekommen, ein Vorwurf, den man oft hört, wenn mal wieder ein Bad schließen soll, ist noch beschönigend. Dieses Bad am Wermelkirchener Eschbach gelegen, ist ebenso marode wie voller Charme. Der Beckenrand ist noch, wie früher überall üblich, eine Kopflänge über der Wasserfläche, die Kacheln sind heil, aber betagt, die Umkleiden sehen aus, als wären sie noch aus den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Nichts davon spielt eine Rolle, und ich wüßte nicht, daß je von einer Schließung des Bades die Rede gewesen wäre.
Das schlechte Wetter mag seinen Teil dazu beigetragen haben, daß der Ort verlassen und aufgegeben schien. Weit und breit kein Mensch, die Umkleiden abgeschlossen, der Kiosk unbesetzt, die Stühle auf der Terrasse wie in einem Klassenzimmer zur Ferienzeit, im Becken ein liegengelassener Schlauch. Ich suche mir die überdachte Terrasse zum Ablegen der Kleider aus, wo der Rucksack vor dem Regen geschützt ist. Kalt ist es, unter zwanzig Grad, regnerisch, grau. Das Becken liegt unberührt, das Wasser straff, der Boden wölbt sich herauf, der Sprungturm grübelt wie ein Angler. In der Nähe dröhnt die Autobahn.





Mittwoch, 8. Juli 2020

Systemrelevanz: Das Nützliche, das Notwendige, was ist es, was ist seine Natur? Es ist banal! Es ist trivial. Eben weil es nützlich ist, ist es langweilig. Kein Wort darüber zu verlieren, es versteht sich ja von selbst. Es fügt der Welt nichts hinzu, was diese an Forderungen nicht schon kennt. Der Mensch aber ist das Wesen, das stets mehr will als das Dasein, mehr will, als das Leben fordert, ja, mehr will als das Leben selbst. Er strebt danach, das Notwendige hinter sich zu lassen. Nicht um der Sicherheit willen – sondern um sich dem Überflüssigen hingeben zu können. Wenn ihm das nicht gelingt, gibt er sich dem Überflüssigen trotzdem hin, indem er sich über die Notwendigkeit hinwegsetzt oder sie ignoriert. When trouble strikes head for the library. Es heißt, während der Petersburger Blockade seien die Konzertsäle und Theater der Stadt voller Menschen gewesen. Langeweile kann schlimmer sein als Hunger. Wer aber satt ist, langweilt sich mit Sicherheit früher oder später. Leo Lionni hat mit der Maus Frederick eine treffende Parabel über das Problematische der Systemrelevanz geschrieben. Gedichte über Sonnenstrahlen, Blumen und Farben ist wohl genau das, was die Verfechter der Systemrelevanz als erstes streichen würden, wenn die Lage sich zuspitzt. Und doch ist es das, was am Ende zählt, wenn die Nahrung aufgebraucht und der Winter noch lang ist. Ein atheistisches Argument lautet: Wo bleibt denn die Pizza, wenn ich Hunger habe und zu einem imaginären Wesen bete? Die Antwort ist natürlich: den Zweck des Gebets verfehlt, wer sich davon manifeste Hilfe in Form von Nahrung verspricht. Der Zweck des Gebets ist es, den unvermeidlichen Hunger erträglich zu machen.


Wer das Wort Systemrelevanz in den Raum spricht, muß sich Fragen nach dem System anhören.


Tatsächlich kann das Wort ja noch etwas ganz anderes bedeuten: Die Relevanz des Systems nämlich.


Wer Systemrelevanz fordert, hat schon sein Bündnis mit dem System geschlossen.


Das System, machen wir uns nichts vor, ist zum Beispiel dasjenige, in dem jahrelang erbittert über die Einführung eines Mindestlohns gestritten wurde. Das System ist eines, in dem Menschen in Not, denen keiner helfen will, herumgeschoben werden wie Sondermüll. Das System ist eines, in dem Rettungsschiffen die Landung im Hafen untersagt wird, weil sie die falschen gerettet haben.


Wer sich nützlich macht, treibt die Interessen des Nutznießers voran. Das ist nur im Idealfall dieselbe Person.


Systemrelevanz, was habe ich mich in meiner Jugend über diesen Quark geärgert. Nichts von dem, was mich interessierte, ist jemals systemrelevant gewesen, selbst in der großzügigsten Auslegung des Begriffs nicht. Nordamerikanische Indianersprachen! Theoretische Linguistik! Indogermanistik! Modallogik! Mögliche-Welt-Semantik! Das Modussystem des Lateinischen! Sprach ich außerhalb des Kreises meiner Kommilitonen über meine Studienfächer, traf ich kaum je einen, der Neugier an der Materie gezeigt oder wenigstens Neugier dafür aufgebracht hätte, warum mich ausgerechnet diese Dinge interessierten. Das war selten die Frage. Die Frage war nach demjenigen Aspekt meiner Interessen, den man seit einigen Wochen unschön Systemrelevanz nennt, und sie erfolgte, mit wenigen Varianten, immer in derselben Form, als hätte man lauter Ausgaben von Bibi, der sprechenden Puppe vor sich gehabt: Und was macht man dann mal damit? Die einzige akzeptierte Antwort darauf wäre natürlich gewesen: Ich will noch viel mehr Spielzeug haben.





Donnerstag, 25. Juni 2020

Nicht allein, um ihre Befolgung sicherzustellen, muß die Ausstellungsinstanz von Regeln möglichst ins Innere der Regelbefolger verlegt werden; sondern, und vielleicht mehr noch, um die Befolger zu entlasten. In kürzester Zeit sind wir an einen Punkt gelangt, an dem es sich falsch anfühlt, ohne Gesichtsbedeckung einen Laden oder einen Bus zu betreten, ähnlich falsch, wie ein obszönes Wort zu äußern oder einen Fremden zu duzen. (Der Vergleich ist interessant, weil er die Frage nach einer möglichen Verwandschaft von linguistischen und moralischen Regeln aufwirft.) Derart internalisierte Regeln haben sich von ihrem ursprünglichen Begründungskontext gelöst und damit den Status religiöser Gebote erlangt. Für einen gläubigen Muslim oder Juden mag es sich ähnlich falsch anfühlen, eine Moschee mit Schuhen oder eine Synagoge ohne Kopfbedeckung zu betreten. Je stärker der Grad der Internalisierung, desto schwerer ist es, die Regel nicht mehr zu befolgen, wenn der Begründungskontext nicht mehr gegeben ist; im Fall von religiösen Geboten, die von Anfang an aus keinen Begründungen folgten, ist es ganz und gar unmöglich, es sei denn, man hört auf zu glauben, und nicht einmal dann ist es einfach. Wir werden unsere Mühe damit haben, die Internalisierung des Maskengebots wieder loszuwerden, wenn der Grund dafür einmal weggefallen sein wird. Denn es gibt ja kein Gebot, sie nicht zu tragen, nur den Wegfall eines Grundes, es zu tun; während die interne Wachinstanz noch eine ganze Weile wachsam bleiben wird. Die durch die Internalisierung bewirkte Entlastung wirkt im Regelbefolger fort: So ist es tatsächlich einfacher, die Regel weiter zu befolgen, als den gedanklichen Aufwand zu betreiben, sie fortan zu ignorieren. Ersteres bedarf keiner Entscheidung mehr, letzteres muß bewußt entschieden werden.





Sonntag, 21. Juni 2020

Als wir noch träumten vom Küssen, umstellten schon Uhren das Lager.
     Zahllos die Küsse im Traum, zählt sie die kürzeste Nacht.

Küsse, gleich Wild in der Dämmerung, scheu vor den lärmenden Stunden.
     Welche vorm Licht nicht geschenkt, flohen ins Dunkel des Traums.





Dienstag, 16. Juni 2020

Der gewaltige Überdruß an allem, was mit dem Virus zu tun hat. Die Allgegenwart der sprachlichen Reflexe der Pandemie (um nur die häufigsten zu nennen: „Mund-Nasen-Bedeckung“, „Abstands-“, „Hygiene-“ oder, der Gipfel der Dämlichkeit, „Coronaregel“, was soll das sein, ein Krönungsprotokoll?) erzeugen einen Widerwillen wie ein nervtötendes, unregelmäßig erklingendes Geräusch, dessen Ursache man zwanghaft auf den Grund gehen muß, um es zum Schweigen zu bringen. Es gibt Tage, da verspürt man das dringende Bedürfnis, laut schreiend wegzulaufen. Aber wohin? Es ist ja überall dasselbe. Die Wörter dringen ins Unterbewußte ein wie lexikalische Parasiten, wie Ohrwürmer einer verhaßten Melodie, die gerade deshalb in Dauerschleife im Ohr bleibt, weil man sie nicht ausstehen kann.





Montag, 15. Juni 2020

Das Harfenstück Beilio r Gwyneth Gwyn -- wie hätte mir das als Heranwachsendem im letzten Schuljahr des Gymnasiums gefallen, und wie hätte es in alle die köstlichen Hinweise und Fingerzeige auf die Möglichkeiten meines zukünftigen Lebens gepaßt, in all die Tolkiens und keltischen Geschichten und Geheimnisse, die zu ergründen ich mir damals fest vorgenommen, an deren Ergründung ich geglaubt hatte. Heute höre ich dieses herrliche Stück und denke voller Wehmut, du bist deinen Träumen, den versprochenen Geheimnissen, du bist deinem eigentlichen Leben nicht einen fingerbreit näher gekommen; du hast dich, im Gegenteil, nur immer weiter davon entfernt, je älter du wurdest; du wirst ganz alt werden, ohne wenigstens in die Sehnsucht und die Überzeugung jemals zurückgekehrt zu sein.





Dienstag, 2. Juni 2020

Die entgegenkommende Joggerin, die mich schon aus zwanzig Metern Entfernung anherrscht, „Rechts oder links?“ und mich dann mit einem „Gutenmorgen!“ im Kasernenton anbellt – solche gibt es auch. Und dann gibt es die Hundehalter, die selbst während der Kulmination der Krise nie Abstand davon genommen haben, sich zu viert oder fünft (Tiere nicht eingerechnet) zu ihrer gemeinsamen Hunderunde zu treffen.





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