Weiter im Lucan: Verse 1--200

Die ersten zweihundert Verse von Buch sieben gliedern sich wie folgt:

  • 1--44: Pompeius' Traum
  • 45--87: Unruhe im Lager; Rede des Cicero
  • 87--123: Rede des Pompeius.
  • 124--150: Kampfvorbereitungen
  • 151--200: Vorzeichen

Vocabularium

Wieder was gelernt: sulpur (oder sulfur oder sulphur, "Schwefel") kann auch "Blitz" heißen (v. Lewis & Short s.v. sulfur):

aetherioque nocens fumauit sulpure ferrum;

"Und vom Schwefel des Himmels raucht die schädliche Klinge;"

Mehr Konjunktiv

Auf diesen Seiten ist ja schon mehrfach vom Modus und vom Indikativ bei Modalverben die Rede gewesen. VII 202--204 zeigt eine weitere Bestätigung für meine Vermutung, daß Modalverben in einem Vergangenheitstempus auch ohne Konjunktiv als Irrealis gelesen werden können (potuit "hätte können", opportebat "hätte sollen" etc.) Im folgenden Vers wechselt ein Konjunktiv im Hauptverb in der Protasis mit einem Modalverb im Indikativ in der Apodosis als irreales Bedingungsgefüge ab:

... si cuncta perito
augure mens hominum caeli noua signa notasset,
spectari toto potuit Pharsalia mundo.

"Wenn der menschliche Geist mittels eines erfahrenen Augurs alle neuartigen Himmelszeichen zur Kenntnis genommen hätte, dann hätte man auf der ganzen Welt die Schlacht von Pharsalos mitverfolgen können."

(Sozusagen live und in HD.)

Vorzeichen

Das erste Viertel des siebten Buchs wird dominiert vom Thema der Vorzeichen. Erst träumt Pompeius seinen schwer deutbaren Traum, der aber dem Leser vor dem Hintergrund der Erkundigungen des Sextus Pompeius bei Erichtho einen Vorsprung gegenüber Pompeius eigenem Informationsstand verschafft.

Die Aussage ist: alles lag offen da, man hätte es nur lesen müssen; die Menschen haben die Augen vor der im Zeichen sichtbaren Wahrheit verschlossen, wollten nicht sehen, was es zu sehen gab; oder sie haben wider besseres Wissen gehandelt.

Verschiedenes

VII 260:

... haec acies uictum factura nocentem est.

"Diese Schlachtreihe wird den Besiegten zum Verbrecher machen."

Gegenstück zu Pompeius Diktum (122f), alles Übel befalle den Besiegten, alles Verbrechen bleibe am Sieger hängen:

omne malum uicti, quod sors feret ultima rerum,
omne nefas uictoris erit.

Das kann man im Kern als den wesentlichen Unterschied zwischen Pompeius und Caesar auffassen: Pompeius, der Pessimist, der Zögerer, der Skrupulöse und Gehemmte, der mit dem schlechten Gewissen. Und auf der anderen Seite der gewissenlose Caesar, der Optimist, der Macher, der Draufgänger. "Es wird keinen Sieger geben", sagt der erste. "Das Recht ist mit dem Stärkeren", sagt sein Gegener.

Ein weiteres Beispiel für die sprachlichen Schwierigkeiten, die Lucan bietet, ist VII 274ff:

... ciuilia paucae
bella manus facient: pugnae pars magna leuabit
his orbem populis Romanumque obteret hostem.

"Wenige Hände werden den Krieg zu einem Bürgerkrieg machen: ein großer Teil des Kampfes wird den Erdkreis um diese [i. e. vorerwähnte Barbaren und Griechen] Völker erleichtern und die Feinde Roms aufreiben."

Was soll das heißen, wenige Hände machen den Krieg zu einem Bürgerkrieg? Die Übersetzungen deuten die Stelle in dem Sinn, daß es in der bevorstehenden Schlacht nicht oft dazu kommen wird, daß Römer Römer töten, weil Pompeius' Heer zum großen Teil aus nichtrömischen Söldnern besteht. Da kann man sein Latein noch so gut gelernt haben, um solche Stellen inhaltlich plausibel zu deuten, bedarf es mehr als nur Kenntnisse in lateinischer Syntax. Mindestens ungewohnt ist auch die Formulierung für "Feinde Roms", Romanus hostis, eigentlich "römischer Feind". Das lateinische kennt keinen Unterschied zwischen "Liebe der Mutter" und "Liebe zur Mutter", beides wird durch den Ausdruck amor matris abgedeckt. Statt amor matris könnte man jetzt auch amor maternus, "mütterliche Liebe", einsetzen. Auf den vorliegenden Vers übertragen, läßt sich hostis Romanus natürlich rückübersetzen in hostis Romanorum, was tatsächlich sowohl "Feind der Römer" als auch "römischer Feind (i. e. Feinde unter den Römern)" bedeuten kann. Die adjektivische Bildung jedoch in gleicher Weise wie die Fügung mit Genitiv als Obiectivus zu meinen, dehnt, finde ich, die lateinische Syntax erheblich. Lucan tut es aber, wenn er "römischer Feind" sagt und "Feind Roms" meint.